Kunden suchen nach Sicherheit aber auch nach Differenzierung
Schattdecor macht sich fit für den Aufschwung und investiert im laufenden Geschäftsjahr 40 Mio. Euro. Dabei stehen effiziente und innovative Technologien und Prozesse im Fokus. Wie der Global Player auf die kommenden Monate schaut und den Wunsch der Kunden nach Sicherheit aber auch Differenzierung zielgruppengenau erfüllt, erläutert Claudia Küchen, Vorstand Design, Marketing, Kommunikation und Dekormanagement, im Interview mit der möbelfertigung.
möbelfertigung: Die Schattdecor Gruppe hat das Jahr 2023 mit einem stabilen Umsatz abgeschlossen. Welche Märkte haben performt, wo lief es nicht so gut?
Claudia Küchen: Auch wenn die Zahlen stabil sind, war es ein schwieriges Jahr, mit Höhen und Tiefen. Insgesamt sind wir zufrieden mit dem Ergebnis und stolz darauf, was wir erreicht haben.
Positiv zu erwähnen ist die dynamische Entwicklung auf dem türkischen Markt und auch in Brasilien. Grundsätzlich haben sich alle Märkte außerhalb Europas positiv präsentiert – mit Ausnahme von China.
möbelfertigung: Was hat die Situation in Europa so schwierig gemacht?
Claudia Küchen: In Europa hatten wir es 2023 nicht leicht und mussten uns sehr strecken: Wir haben es hier mit einem Verdrängungswettbewerb zu tun und einige Märkte innerhalb Europas sind bis heute schwer vorhersehbar. Das schließt Deutschland ein.
möbelfertigung: Wie ist Ihre Umsatzerwartung für 2024?
Claudia Küchen: Natürlich haben wir Märkte und Bedarfe analysiert und versucht, einen möglichst verlässlichen Forecast für 2024 zu entwerfen. Die aktuelle Situation erschwert es aber zunehmend verbindliche Prognosen zu treffen. Das Jahr 2024 ist besser gestartet, als wir es vermutet hatten – was aber auch an einem veränderten Einkaufsverhalten unserer Kunden liegt.
möbelfertigung: Inwiefern?
Claudia Küchen: Vor nicht allzu langer Zeit haben Kunden regelmäßig, im laufenden Betrieb geordert und ihre Lager bestückt. Jetzt gibt es enorme Wellenbewegungen. Viele orientieren sich stark an den Preisen, ordern dann größere Mengen, verkaufen erst einmal ab und ergänzen nur mit dem Nötigsten.
Diese Entwicklung erschwert es, konkrete Aussagen bezüglich der weiteren Entwicklungen im laufenden Geschäftsjahr zu treffen. Aktuell sieht es gut aus, wir rechnen aber damit, dass es im Herbst wieder zu einem Abschwung kommen könnte. Eine längerfristige Erholung sehen wir erst wieder ab 2025.
möbelfertigung: Und mit Blick auf Europa würden Sie sagen, dass es weiterhin bei einer Kaufzurückhaltung bleibt?
Claudia Küchen: Die ist nach wie spürbar, ja. Auf der anderen Seite passiert aber gerade in Europa sehr viel, genau hier machen sich Unternehmen Gedanken, wie man das Geschäft mit neuen Produkten und Prozessen ankurbeln kann.
In fast allen Gesprächen mit der Möbelindustrie entlang der kompletten Prozesskette ist zu spüren, wie viele Ideen es in Richtung Digitalisierung gibt. Dabei geht es um Prozessumstellungen, aber auch um eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Lieferanten und Verarbeitern, damit beide effizienter werden. Viele Unternehmen sind damit beschäftigt, jetzt die Zukunft zu formen.
möbelfertigung: Schattdecor ist weltweit aktiv. Aber am Ende dennoch ein deutsches Unternehmen und in Europa verwurzelt. Was bedeutet die aktuelle Situation für Schattdecor mit diesen Herausforderungen auf dem heimischen Markt?
Claudia Küchen: Wir sehen uns als globales Unternehmen, welches mit der Firmenzentrale in Thansau stark in Deutschland verwurzelt ist. Im Mittelpunkt steht dabei immer das zielgruppenorientierte Gesamtpaket für unsere Kunden und dementsprechend entscheiden wir dann, wo gefertigt wird. Es geht in unseren Überlegungen nicht darum, zu konsolidieren und sondern vielmehr darum, was wir wo konkret tun müssen, um die Nachfrage zu bedienen.
möbelfertigung: Und wenn wir komplett im Inland bleiben: Wie ist aktuell ihr Blick auf die deutsche Möbelindustrie?
Claudia Küchen: Die Nachfrage ist verhalten und auch das Zugpferd, die Küchenmöbelindustrie, hat mit Nachfrageschwierigkeiten zu kämpfen. Wir versuchen bestmöglich zu unterstützen und analysieren mit Küchenherstellern, wo es Chancen gibt. Gemeinsam mit der Branche versuchen wir an Lösungen zu arbeiten, egal ob es um neue Produkte, Farben oder Dekore geht.
möbelfertigung: Sie sagten, das Jahr sei sogar besser gestartet, als angenommen – wenn Sie das auf Produktgruppen herunterbrechen, wo gibt es derzeit Potenziale?
Claudia Küchen: Die Finishfolie hat im Portfolio weiter an Bedeutung gewonnen. Und es ist für uns insgesamt gesehen ein attraktives Produkt, denn wir können, anders als beim Dekorpapier, auch die Oberfläche mit einbeziehen und beeinflussen.
Am polnischen Standort Tarnowo Podgórne läuft derzeit die Montage einer neuen Druck- und Lackiermaschine, die sowohl auf Papier, als auch auf kunststoffbasierten Substraten produzieren kann und damit die modernste Anlage innerhalb der Branche sein wird. Damit können wir uns in Zukunft hinsichtlich bedruckter und veredelter Thermoplaste noch breiter aufstellen.
möbelfertigung: Wie weit sind Sie mit der neuen Produktionsanlage in Tarnowo?
Claudia Küchen: Wir rechnen damit, dass wir ab Anfang 2025 produzieren können. Wir betreiben bereits eine ähnliche Anlage, erzeugen auf dieser beispielsweise die Nature- und auch Glanz-Effekte. Die Produkte werden so gut nachgefragt, dass wir mehr Kapazität benötigen, darum das Invest. Und natürlich gab es auch wieder neue Ideen, die in diese Anlage einfließen, um uns weiter zu verbessern.
möbelfertigung: Wie haben sich die Möbel- und Fußbodenmärkte in Hinblick auf Dekor- und Oberflächenauswahl in den letzten Jahren Ihrer Meinung nach verändert? Was sind die Kundenwünsche, denen Schattdecor vermehrt nachkommt?
Claudia Küchen: Wichtig ist es, Dekore zu entwickeln, die den Kunden Sicherheit geben. Dazu gehört einerseits, den Kunden genau zuzuhören, andererseits aber auch Trends zu erkennen. Beispielsweise den Bedarf genau zu analysieren und zu wissen welche Strukturen passend sind. Heruntergebrochen lautet der Kundenwunsch „Gebt uns Dekore, mit denen wir draußen am Markt erfolgreich sind.“ Gerade in unsicheren Zeiten, wie aktuell.
Aber es ist nicht nur der Wunsch nach perfekten Trenddekoren, die zur Zielgruppe passen. Es wächst der Wunsch nach Differenzierung. Unsere Kunden wollen mit unseren Produkten aus der breiten Masse herausstechen. Darum entwickeln wir mehr denn je exklusive Kundendekore, gehen noch stärker auf individuelle Ideen und Bedürfnisse ein.
möbelfertigung: Bezieht sich das auf Deutschland, auf Europa oder ist es eine globale Entwicklung?
Claudia Küchen: Es lässt sich definitiv auf viele Länder und Märkte übertragen. Es gab außerhalb Europas viele Märkte, die sich an Deutschland und Italien orientiert haben. Das verändert sich. Überall auf der Welt werden individuelle Optiken gefordert, sollen sich eigene Trends etablieren. Das fordert uns.
Auf der Mailänder Möbelmesse hat sich beispielsweise die ganze Welt getroffen. Noch vor Ort haben wir uns im internationalen Designteam getroffen und eigenständige Ideen entwickelt, Dekore abgeleitet, die jetzt in der Umsetzung sind. Es wird nicht mehr abgewartet, ob sich in Europa allgemeine Trends herauskristallisieren. Umso wertvoller ist es, dass wir Teams rund um den Globus haben, die starke Tendenzen verschiedenster Regionen an uns übermitteln.
In der Konsequenz gehen teilweise die Produktionsmengen eines Dekors zurück, aber die Dekorvielfalt insgesamt steigt. Was unsere Kunden alle eint, ist der Versuch einen individuellen Bestseller zu landen.
möbelfertigung: Lässt sich in wenigen Sätzen sagen, was ein Bestseller-Dekor ausmacht?
Claudia Küchen: Das bin ich tatsächlich schon häufig gefragt worden. Ich kann nur versuchen zu erklären, wie Schattdecor es immer wieder schafft, Bestseller zu kreieren. Es ist ein Mix aus dem Kunden gut zuhören, den Markt und Trends analysieren sowie zu verstehen, was der Endkonsument benötigt. Das ist die Design-Komponente.
Und dann gibt es noch die Rolle des Unternehmens an sich, nämlich mit einem gut funktionierenden Team nach draußen zu gehen, die Produkte „mit einer Stimme“ zu vertreten. Wir müssen überzeugend rüberbringen, dass wir am richtigen Thema arbeiten.
Nehmen wir das Beispiel Eiche, die nach wie vor gefragt ist, neben der aktuell steigenden Nachfrage nach Nussbaumholzdekoren. Die Branche ist sicherlich gut beraten, die Eiche weiter zu stärken und trotzdem bietet Schattdecor seinen Kunden genug Möglichkeiten, dabei auch eigene individuelle Designs zu platzieren. Was es wohl nicht mehr geben wird, ist der eine, alles überstrahlende Bestseller. Dafür entwickeln sich zu viele Märkte parallel sehr gut und eben individuell.
möbelfertigung: Sicherheit ist immer wieder ein wichtiges Thema. Sie haben gerade die „Global Essentials“ Kollektion vorgestellt. Was macht diese Kollektion aus?
Claudia Küchen: Die „Global Essentials“ bezieht sich auf die Themen, die wir seit der letzten Interzum entwickelt und gezeigt haben. Vor rund einem Jahr haben wir in Köln Dekore präsentiert, diese mit Kunden besprochen, Feedback eingeholt, haben sie teilweise weiterentwickelt und am Markt platziert.
An genau dieser Stelle möchten wir transparent sein, Kunden zeigen, welche Dekore besonders viel Zuspruch bekommen. Und eben Sicherheit bieten, indem sichtbar wird, welche Trendthemen es gibt oder welche an Bedeutung gewinnen.
Dank unseres internationalen Teams haben wir mit „Global Essentials“ eine Kollektion mit sieben Top-Dekoren zusammengestellt. Dekore, bei denen wir weltweit Überlappungen verspüren, aber genauso solche, die ernstzunehmende lokale Trends widerspiegeln. Damit weltweit alle Kunden zugreifen können, gibt es für die „Global Essentials“ eine eigene Landingpage global-essentials.schattdecor.com.
möbelfertigung: Darüber hinaus gibt es noch die „Caravan Selection“ und „Prime Collection“ – wodurch zeichnen sich diese aus?
Claudia Küchen: Unsere Stärke ist die Beratung unserer Kunden. Und das drückt sich entsprechend in zielgruppenorientierten Kollektionen aus. Wie die „Caravan Selection“, in der wir brancherelevante Trends und Stile bündeln.
Das Gleiche gilt für die Folienkollektion „Prime Collection“ mit dem Fokus auf Folienmärkte und -kunden. Es liegen jeweils Analysen zu Grunde, die wir mit unseren Kreativ- und Vertriebsteams gemeinsam machen und in denen sich der Kunde wiederfindet. Die „Prime Collection“ ist darüber hinaus eine Lagerkollektion, aus der Kunden auch kleinere Mengen kurzfristig beziehen können.
möbelfertigung: Was sich wieder mit dem deckt, was Sie vorhin sagten: reduzierte Mengen, mehr Vielfalt?
Claudia Küchen: Zum einen das. Zum anderen geht es im Folienbereich oftmals um Schnelligkeit. Trendthemen oder marktspezifische Themen sollen schnell verfügbar sein. Was wiederum an ihre Frage anknüpft, was sich in den letzten Jahren verändert hat: Wir müssen viel schneller und flexibler sein als noch vor einigen Jahren. Noch zügiger reagieren, wenn irgendwo ein Bedarf entsteht. Das bezieht sich auf die Entwicklungsarbeit insgesamt, mit einer solchen Lagerkollektion erhöhen wir unser eigenes Tempo noch einmal.
möbelfertigung: Gibt es auf der technischen Seite Innovationen, über die Sie sprechen können?
Claudia Küchen: Im technischen Bereich sind es Optimierungen und Weiterentwicklungen bei der Oberflächenveredelung der Folien. Bei der Gravur und Galvanik tut sich einiges, wir investieren in eine Lasergravur und stellen in der Galvanik in Thansau um auf ein umweltfreundlicheres Chrom. Letzteres ist eine Neuheit, weil es kein allgemeiner Standard ist. Für uns aber ein Invest, das wir im Sinne eines nachhaltigen Handelns unbedingt umsetzen wollen.
möbelfertigung: In Brasilien wird weiter investiert – dieser Markt scheint für Schattdecor also sehr vielversprechend zu sein?
Claudia Küchen: Wir wollen dort die Kapazitäten erhöhen. Das passiert im ersten Schritt durch eine Ersatzinvestition, die uns anschließend mehr Output liefert als die bestehende Anlage.
Wir sehen in Brasilien einiges an Potenzial, auch der Bereich Imprägnierung entwickelt sich gut. Natürlich unterliegt auch der südamerikanische Markt immer wieder Schwankungen, insgesamt gesehen ist Schattdecor dort aber sehr gut aufgestellt mit einem super Team und ausgezeichneten Kundenkontakten.
möbelfertigung: Wie steht es um den Digitaldruck bei Ihnen im Hause? Anfangs gab es große Sprünge, derzeit ist es gefühlt etwas ruhiger geworden?
Claudia Küchen: Es ist nicht nur bei uns, sondern insgesamt ruhiger geworden um das Thema Digitaldruck. Anfangs gab es einen Riesenhype, zum Teil wurde eine Disruption der Branche erwartet. Mittlerweile hat jeder verstanden, dass wir den Tiefdruck nach wie vor brauchen und dass der Digitaldruck dazu eine optimale Ergänzung darstellt.
Genauso nutzen wir den Digitaldruck bei uns im Hause. Der Digitaldruck ist voll integriert, steht sogar inmitten der Tiefdruckanlagen. Es gibt Dekore, die wir sogar deutlich besser im Digitaldruck drucken können als im Tiefdruck. An dieser Stelle sprechen wir nicht über spezielle Digitaldruckdekore, sondern Substitution. Hinzu kommen kleinere Volumina sowie Besonderheiten in Bezug auf Formate und Farbvielfalt.
möbelfertigung: Wohin geht die Reise im Jahr 2025 – allgemein und dann natürlich auf Schattdecor bezogen?
Claudia Küchen: Ganz wichtig für uns ist, dass Schattdecor 2025 40 Jahre alt wird. Das bedeutet uns natürlich viel. Wir werden auf die Interzum gehen, uns dort als Innovations- und Designführer präsentieren und sicher auch groß feiern.
Darüber hinaus hoffen wir, dass das Jahr 2025 sehr viel deutlicher zeigt, wohin die Reise künftig in der Branche geht, als es aktuell der Fall ist. Vieles ist im Umbruch, vom demografischen Wandel bis zu digitalisierten Prozessen, und dies sollte bald noch sichtbarer werden.
Bei uns im Hause arbeiten wir beispielsweise an neuen Prozessen, um noch schneller auf Kundenideen reagieren zu können. Wir investieren viel in den Bereich der Thermoplaste, wollen dort neue Produkte entwickeln und auch neue Zielgruppen ansprechen, beispielsweise im Fußbodensektor. Dort sehen wir Potenziale. Grundsätzlich hoffen wir auf ein anziehendes Geschäft, wobei es sich aktuell, wie eingangs berichtet, nicht so schlecht darstellt. Was hoffentlich nicht trügerisch ist.















