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Michael Egger Junior
Egger
Egger  | 

Michael Egger jun. über die Konjunktur, Kooperationen und Nachhaltigkeit

Auch ein so stabil dastehendes Unternehmen wie Egger spürt die angespannte Konjunktur. Deshalb blickt das Unternehmen über den Tellerrand und denkt über die Möglich­keiten der Zusammenarbeit mit Unternehmen ­anderer ­Branchensegmente nach. Gleichzeitig investiert der Holz­werkstoffspezialist stark Richtung Zukunft, weshalb bei ­Egger auch das Thema Nachhaltigkeit stark im Fokus steht – wie Michael Egger jun. im Interview deutlich betont.

möbelfertigung: Herr Egger, aktuell ist die konjunkturelle Lage in vielen Märkten – vor allem in Deutschland – herausfordernd. Wie stellt sich die Lage für Egger dar und wie reagieren sie als Unternehmen?
Michael Egger jun.:
Natürlich spüren auch wir, dass die aktuelle Wirtschaftslage eingetrübt ist. So führten die hohe Inflation, die hohen Zinsen, die volatilen Rohstoffpreise und geopolitischen Unsicherheiten zu einer generellen Konsumschwäche und Nachfragerückgängen in fast allen Märkten.


möbelfertigung: Sehen Sie die anhaltende ­Krise im Bau ebenfalls als Problem?
Michael Egger jun.:
Die schwächelnde Bauwirtschaft stellt auch für uns und unser Geschäft eine Herausforderung dar. Schließlich hat sich die Marktlage seit der Rekordnachfrage während der Corona-Pandemie stark gedreht. Und da wir auf kontinuierlichen Anlagen produzieren, ist ein Anpassen der Produktionsmenge an veränderte Marktsituationen nur in begrenztem Ausmaß möglich.


möbelfertigung: Frustrieren Sie aktuell die vielen schwachen Märkte manchmal?
Michael Egger jun.:
Nein, denn schwierige Märkte begreifen wir als größte Motivation. So liegen in Herausforderungen auch große Chancen – insbesondere die Chance zu beweisen, dass wir unsere Hausaufgaben gemacht haben.


möbelfertigung: Was sind Eggers Hausaufgaben?
Michael Egger jun.:
Als Teil unserer Hausaufgaben sehen wir zum einen das Schaffen einer soliden Datenbasis. Denn um zu verstehen, wie Märkte funktionieren, wo Potenziale liegen und an welchen Stellschrauben wir ansetzen können, braucht es klare Fakten in Form von Forecasts, Analysen und regelmäßigen Abgleichen mit der aktuellen Situation.
So haben wir speziell in volatilen Zeiten einen Kompass an der Hand, mit dem wir navigieren. Zum anderen können wir uns auf unsere Produktionsvorteile und unsere modernen Werke am Stand der Technik verlassen. Schließlich haben wir in den letzten Jahren kräftig in unsere Werke investiert – besonders in die Veredelungs­kapazitäten. Damit folgen wir unserem Ansatz, unseren Kunden mit unserem vollständigen Dekor-, Struktur- und Materialverbund auf ihre Bedarfe zugeschnittene, hochwertige Lösungen zu bieten.


möbelfertigung: Reicht dies, um in diesen schwierigen Zeiten erfolgreich zu sein?
Michael Egger jun.:
Nein. Deshalb möchten wir, wenn Märkte sich herausfordernd gestalten, in Sachen Service und Qualität punkten. Unser zentrales Tool ist dabei unsere neue Egger Kollektion „Dekorativ 24+“.
Schon in der Kollektionsentwicklung haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt, wie sich die Kundenbedürfnisse in den letzten Jahren geändert haben und wir sie am besten unterstützen können. So brauchen unsere Kunden Flexibilität bei der Produktauswahl und die Planungssicherheit eines verlässlichen Partners, um die Wirtschaftlichkeit ihres Betriebs sicherzustellen.
Daher präsentieren wir zum ersten Mal eine rollierende Kollektion.


möbelfertigung: Was verbirgt sich hinter dem Begriff?
Michael Egger jun.:
Das bedeutet, dass die Kollektion spätestens alle zwei Jahre aktualisiert, es aber keine komplette Neuauflage geben wird. Damit können wir schneller auf Trends, neue Einflüsse und Produktneuheiten reagieren, während alle Neuheiten mindestens vier Jahre im Sortiment bleiben und Kunden für ihre Projekte Gewissheit in der Planung haben.
Und da wir Trends immer schneller kommen und gehen sehen, haben wir ein „Capsule Konzept“ entwickelt, mit dem unsere Kunden konkrete Empfehlungen bekommen, um aus Neuheiten und bewährten Dekoren möglichst vielfältige Kombinationen für alle Wohn- und Lebensbereiche sowie für gewerbliche Objekte zu schaffen.


möbelfertigung: Welche Rolle haben Ihre Mitarbeiter in diesen Zeiten?
Michael Egger jun.:
Ganz sicher die wichtigste, denn zentral in all unseren Bemühungen ist und bleibt der Einsatz unserer mehr als 11.000 qualifizierten und motivierten Mit­arbeitenden, auf die wir uns stets verlassen können. Gemeinsam sind wir gut durch die letzten turbulenten Jahre gekommen und sind überzeugt, dass wir das auch jetzt wieder erfolgreich schaffen werden.


möbelfertigung: Im Rahmen einer Veranstaltung im Egger-Forum in St. Johann/Tirol fand ein Expertengespräch mit Ihnen und den Geschäftsführern von Blum und Häfele, Herrn Philipp Blum und Herrn Gregor Riekena statt. In Bezug auf die gerade angespannte konjunkturelle Lage sagten Sie, dass Familienunternehmen wie Egger – und natürlich Blum, Häfele und weitere – in diesen Zeiten „Leuchttürme“ sein können. Könnte Sie das erläutern?
Michael Egger jun.:
Familienunternehmen zeichnen sich durch langfristige Orientierung, ausgerichtet auf Generationen aus. Wir treffen unsere Entscheidungen mit Bedacht und haben dabei den Anspruch, dass sie für Jahrzehnte halten. Gleichzeitig streben wir nach stetiger Innovation und wollen für unsere Kunden neue und noch bessere Produkte entwickeln.
Dabei sind – wie schon erwähnt – unsere Mitarbeitenden der wichtigste Bestandteil unserer Unternehmensfamilie.
Sie tragen entscheidend zum Erfolg bei. So gibt es nichts Schöneres für einen Unternehmer, als wenn man Menschen trifft, die 40 Jahre im Unternehmen verbracht haben. Teilweise sind Mitarbeitende sogar in zweiter oder dritter Generation bei uns.
Egger möchten seinen Mitarbeitenden langfristige und stabile Arbeitsplätze bieten, dafür tragen wir Verantwortung und dieser möchten wir jetzt und in Zukunft gerecht werden.


möbelfertigung: Was zeichnet Familienunternehmen aus Ihrer Sicht noch aus?
Michael Egger jun.:
Eine Kultur, in der man sich gegenseitig Mut macht. Im Wissen, dass wir gemeinsam Großes schaffen können, kommen wir auch gut durch schwierigere Zeiten. Dieses Verständnis um den großen Wert der Partnerschaftlichkeit inkludiert auch unsere erfolgreiche Zusammenarbeit mit unseren Kunden und Lieferanten weltweit, die wir als essenziellen Erfolgsfaktor sehen.


möbelfertigung: Also stehen gut geführte Familienunternehmen auch jetzt stabil da?
Michael Egger jun.:
Wenn ich für Egger spreche, ja. Dabei liegt ein weiterer großer Vorteil in unserer soliden finanziellen Basis. Wir verfolgen die Strategie des nachhaltigen Wachstums aus eigener Kraft. Diese sieht vor, dass wir das, was wir erwirtschaften, wieder ins Unternehmen investieren. Auf diese Weise konnten wir in den letzten Jahren sehr erfolgreich wachsen. Zum Beispiel haben wir im November 2023 unser 22. Werk in Markt Bibart (DE) übernommen. Und schon jetzt planen wir Investitionen in Höhe von 200 Mio. Euro in den nächsten drei Jahren am Standort. In mehreren aufeinanderfolgenden Investitionsschritten möchten wir künftig auch in Markt Bibart Recyclingholz einsetzen sowie Beschichtungskapazitäten aufbauen.
Für mich persönlich lautet der Anspruch, das Unternehmen erfolgreich basierend auf unseren seit jeher gelebten Werken weiterzuentwickeln. Wir müssen Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft finden und möchten zu einer lebenswerten Zukunft beitragen – das ist eine große Motivation für mich.

möbelfertigung: Was braucht es aus Ihrer Sicht, dass der Konjunktur-Motor wieder anspringt und wie wichtig ist dabei ein engeres Zusammenarbeiten mit anderen Unternehmen, zum Beispiel aus der Beschlägebranche?
Michael Egger jun.:
Die gesamtwirtschaftliche Lage konfrontiert uns als gesamte Branche mit neuen Fragestellungen. Daher empfinden wir die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen, zum Beispiel mit Beschlägeherstellern, als äußerst attraktiv und inspirierend.
Zumal daraus innovative Perspektiven erwachsen. So möchten wir mit unseren Partnern neue Themen anpacken und unseren gemeinsamen Kunden Inspirationen für ihre eigenen Problemstellungen aufzeigen, zum Beispiel im Themenfeld „Wohnen von Morgen“. Micro Living und Circular Living sind zwei Begriffe, die in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen haben. Es wird stark auf die flexible und clevere Nutzung von begrenztem Raumangebot ankommen, auf multifunktionale Räume sowie auf den schlauen Einsatz von Beleuchtung, angepasst an die entsprechenden Wohnwelten.


möbelfertigung: Wie sehen Sie in dem Kontext den Faktor Licht, mit dem sich Häfele seit Jahren intensiv beschäftigt?
Michael Egger jun.:
Licht ist ein wichtiger Faktor für den Wohnkomfort, spielt aber genauso für die Wahrnehmung einer Oberfläche eine tragende Rolle. In diesen und vielen anderen Bereichen liegen Chancen für gemeinsame Innovationen.
So bleiben wir mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung zuversichtlich und sehen die große Möglichkeit, jetzt ein gutes Fundament zu schaffen, für die Phase, die auf die Eintrübung folgt. Wir haben den Blick nach vorne gerichtet und investieren weiter in die Zukunft – in unsere Werke, in Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz.


möbelfertigung: Das Thema Nachhaltigkeit steht bei Egger stark im Fokus. Welche Schritte geht Egger hier in den kommenden Jahren?
Michael Egger jun.:
Die Eindämmung des Klimawandels ist die größte gesellschaftspolitische Herausforderung unserer Zeit: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft müssen gemeinsam handeln.
Wir als großes Industrieunternehmen tragen hier Verantwortung und können dank unseres Geschäftsmodells an einer starken Basis ansetzen. Dabei ist Holz der zentrale Rohstoff im aktiven Klimaschutz. Wälder sind die bedeutendsten Kohlenstoffsenken. Ein Baum nimmt während seines Wachstums CO2 auf. Der Kohlenstoff bleibt dabei über die gesamte Nutzungsdauer im Holz gebunden, so auch in unseren Holzwerkstoffen.
Mit jedem Span, der recycelt wird, können wir den Kohlenstoffspeichereffekt noch weiter verlängern. Wir möchten auch für künftige Generationen nachhaltiges Leben und Arbeiten mit unseren klimafreundlichen Holzwerkstoffen ermöglichen.
Daher bekennen wir uns klar dazu, unsere klima­wirksamen Treibhausgas-Emissionen im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen bis 2050 auf Net Zero zu reduzieren. Dieses Ziel ist richtungsweisend und wird massive Anstrengungen erfordern.


möbelfertigung: Wie soll der Weg zu Net Zero aussehen?
Michael Egger jun.:
Unser Weg zu Net Zero wird über weitreichende Investitionen führen. Durch seine stabile finanzielle Basis hat Egger die große Chance, voranzugehen, und die notwendigen Investitionen voranzutreiben.
Wie wir unsere ambitionierten Ziele erreichen können, haben wir eingehend analysiert. Wir folgen einem faktenbasierten Ansatz anhand wissenschaftlich fundierter Standards. So konnten wir in der Klimabilanzierung eine beachtliche Expertise aufbauen und haben unsere Corporate Carbon Footprint eingehend analysiert.
Das umfasst nicht nur jene Emissionen , die wir direkt in unseren Werken verursachen, sondern auch die, die wir indirekt verantworten durch unsere eingekaufte Energie und die vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette.
Aus dieser gründlichen Bestandsaufnahme haben wir unsere Hebel abgeleitet, an denen wir ansetzen müssen, und Zwischenziele bis 2030 als Meilensteine definiert. Wir setzen klar auf Reduktion der Emissionen, nicht auf Kompensation außerhalb unserer Wertschöpfungskette.
Das Endziel und die Richtung für unseren Weg zu Net Zero sind damit klar, wenngleich noch nicht alle Details und Technologien bekannt sind, die es dazu brauchen wird.


möbelfertigung: Könnten Sie einige Investitionen benennen?
Michael Egger jun.:
Auf unserer Agenda stehen in jedem Fall umfassende Maßnahmen in zahlreichen Bereichen des Unternehmens. Beispielsweise sind zusätzliche Biomassekraftwerke und Photovoltaik-Anlagen in Planung, um weiterhin die Abkoppelung von fossilen Energieträgern voranzutreiben. Zudem werden wir den Einkauf von Strom aus erneuerbaren Quellen forcieren und eng mit unseren Geschäftspartnern an neuen technischen, technologischen und prozessualen Lösungen arbeiten, unter anderem in Hinblick auf die in der Herstellung der Produkte eingesetzten Chemie-Rohstoffe oder den Transport.


möbelfertigung: Wann startet Egger mit dem Realisieren der geplanten Investitionen?
Michael Egger jun.:
Wir verlieren auf dem Weg zu Net Zero keine Zeit und setzten bereits erste Maßnahmen erfolgreich um. In unserem Werk in Unterradlberg (AT) haben wir kürzlich einen neuen Wärmetauscher in Betrieb genommen und konnten so einen Produktionsschritt optimieren, der zuvor noch den Einsatz von Erdgas erforderte. Das Werk verzichtet damit beim Normalbetrieb seiner Plattenproduktionsanlagen zur Gänze auf den Einsatz von Erdgas.
Außerdem verwenden wir in der Spanplattenproduktion unserer Werke in der EU und in UK nun Bindemittel, die mit grünem Strom hergestellt wurden. Auch die Bindemittelbeschaffung unserer zuletzt übernommenen Werke ist bereits in Umstellung. In unserem Stammwerk in St. Johann in Tirol (AT) wird ein neues Kraftwerk entstehen, das aus biogenen Brennstoffen sowohl Wärme als auch Strom für die eigenen Produktionsprozesse liefern wird. So werden wir den Einsatz fossiler Brennstoffe am Standort gegen null senken und können außerdem die umliegenden Gemeinden mit noch mehr nachhaltiger Fernwärme versorgen.
Damit werden wir unser Ziel erreichen – Schritt für Schritt, Maßnahme für Maßnahme.

Das Interview finden Sie auch in der Ausgabe 3/24 der möbelfertigung.

Egger, Interview, Nachhaltigkeit