„Kein Geheimnis: Wir haben einen Kosteneinspardruck“
möbelfertigung: Sprechen wir über das Maßnahmenpaket zur Effizienzsteigerung. Sie haben den Abbau von 600 Stellen angekündigt und wollen ab 2025 50 Mio. Euro einsparen?
Dr. Daniel Schmitt: Wir haben wirklich versucht, einen ausbalancierten Weg zu finden. Wenn man auf die aktuelle Marktsituation schaut, muss man davon ausgehen, dass wir eine längere Talsohle durchschreiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Markt bald wieder so stark sein wird, wie wir es in den Jahren 2021 und 2022 gesehen haben.
Abgesehen vom Stellenabbau, nutzen wir in Deutschland Flexibilisierungselemente. Wir flexibilisieren mehr, als wir abbauen. Also Kurzarbeit und weitere tarifliche Instrumente. Ich glaube, wir haben ein ausgewogenes Programm gefunden. Wir mussten in 2023 sehr stark nachsteuern, um einen Teil der Ertragslage sichern zu können. Das Maßnahmenpaket war an der Stelle einfach alternativlos.
Natürlich versuchen wir auch, das Know-how im Unternehmen zu halten, aber es gibt Faktoren, die wir kritisch anschauen müssen. Wir haben 85 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland – Deutschlind bildet aber nur 10 Prozent unseres Marktes ab. Wenn wir nachhaltig erfolgreich sein wollen, können wir uns dem Thema Dezentralisierung nicht verschließen.
möbelfertigung: Welche Bereiche sind konkret betroffen?
Dr. Daniel Schmitt: Es geht durch die gesamte Organisation. Sowohl die Produktion, als auch die Overhead-Funktionen sind betroffen. Auch bei letzteren prüfen wir, ob wir bestimmte Overhead-Aufgaben dezentralisieren. Es sind alle Standorte betroffen, wenn auch unterschiedlich stark.
möbelfertigung: Gibt es auch ein Programm für freiwilliges Ausscheiden?
Dr. Daniel Schmitt: Ja, das gibt es. Wir versuchen möglichst sozialverträgliche Lösungen zu finden. Sollte das alles nicht ausreichen, kann ich betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen. Ich möchte aber betonen, dass uns an sozialverträglichen Lösungen gelegen ist.
möbelfertigung: Reichen die Maßnahmen aus, um die anvisierten Ergebnisse zu erreichen?
Dr. Daniel Schmitt: Wir bewegen uns momentan im Rahmen unserer Annahmen. Stand heute werden die Maßnahmen also genügen.
möbelfertigung: Gibt es einen Standort, der komplett zur Diskussion steht?
Dr. Daniel Schmitt: Nach heutigem Stand nicht, nein.
möbelfertigung: Welchen Stellenwert hat denn Deutschland überhaupt in den Betrachtungen?
Dr. Daniel Schmitt: Deutschland ist ein wichtiger Markt für uns. Ich hatte schon erwähnt, dass die deutsche Industrie zuletzt erheblich Kapazitäten aufgebaut hat, das Potenzial ist daher mittelfristig nicht sehr groß. Allerdings haben wir eben in Deutschland einen Großteil unseres Know-hows und allein deshalb ist das Land für die Homag Group enorm wichtig. Sagen wir es so: Deutschland hat dadurch eine höhere Bedeutung, als der Marktanteil widerspiegelt.
möbelfertigung: Wurde auch in Forschung und Entwicklung der Rotstift angesetzt?
Dr. Daniel Schmitt: Ganz minimal. Auch da haben wir sehr genau geprüft, wie unsere Innovations-Pipeline aussieht und priorisiert, was uns wirklich wichtig ist. Wir werden ein bisschen im R&D-Bereich sparen, aber immer noch mehr ausgeben, als im Jahr 2021. Wir versuchen dort zu sparen, wo es um Produktpflege geht. Und nicht bei Innovationen.
möbelfertigung: In unserem letzten Interview sagten Sie, dass Sie perspektivisch die ganz großen Leuchtturm-Projekte auch mal sein lassen, weil sie überproportional Ressourcen binden?
Dr. Daniel Schmitt: Ich würde das Umformulieren: Wir möchten weiterhin von ganz großen Projekten bis zu Zwei-Personen-Betrieben alle beliefern. Bei den Großprojekten werden wir allerdings genauer prüfen, welche davon wirtschaftlich sind. Aber wir werden sie weiter anbieten.
Die ganz großen Projekte allein reichen nicht aus. Bei Einzelmaschinen oder Zellenlösungen können wir unsere Produktion besser auslasten. Was nicht bedeutet, dass wir nicht um die attraktiven Großprojekte – auch in Deutschland – weiter kämpfen.
möbelfertigung: Sie haben Ende des letzten Jahres einen sehr großen Auftrag aus China bekommen, man spricht von einem Projekt von etwa 115 Mio. Euro. Wie viel Wertschöpfung kommt dabei aus Deutschland?
Dr. Daniel Schmitt: Zunächst mal kann ich die Information über den Umfang des Projekts weder bestätigen, noch möchte ich sie dementieren. Was ich aber sagen kann ist, dass für diesen Auftrag der Großteil der Maschinen in Deutschland hergestellt wird. Wir nutzen zudem selbstverständlich die Organisation vor Ort, wenn es um Installation und Inbetriebnahme geht. Es ist eine Mischung aus chinesischen und deutschen Teams. Für den Service nach der Installation werden wir ebenfalls auf das Team vor Ort setzen.
möbelfertigung: Sie hatten verschiedene Kooperationen – zum Beispiel mit Heesemann – bekannt gegeben. Wie laufen diese weiter?
Dr. Daniel Schmitt: Es gibt Länder wie die USA oder auch die Schweiz, wo wir schon lange gut mit Heesemann kooperieren. Und dann gibt es Länder, wo Heesemann schon immer starke eigene Vertriebskanäle hatte, dort merkt man dann nicht viel von der Kooperation.
möbelfertigung: Die Homag Group hatte mit Bütfering einst aber durchaus mehr Fokus auf das Thema Schleifen…
Dr. Daniel Schmitt: Aber eben nie besonders erfolgreich. In den USA zum Beispiel – bei Küchen mit Face Frame – muss man sowohl Lackiertechnologien als auch Schleiftechnologie anbieten. Darum brauchen wir die Partner. Weil wir selbst mit unseren Maschinen eben nicht den Erfolg hatten, den wir bräuchten.
möbelfertigung: Wie ist das Standing der Homag Group bei der Dürr AG?
Dr. Daniel Schmitt: Die Homag Group ist ein sehr wichtiger Teil des Dürr-Konzerns und hat ein entsprechend gutes Standing.
möbelfertigung: : Wir möchten im Folgenden mal einige Ihrer Aussagen aus unserem Interview im letzten Jahr wiederholen, beziehungsweise in Erfahrung bringen, ob sich Ihre Einschätzungen geändert haben. Nummer 1: „Eine Kernaufgabe ist, die Komplexität auf technologischer, aber auch auf regionaler Ebene zu bewältigen.“
Dr. Daniel Schmitt: Das stimmt weiterhin, wir sind dabei. Wir haben unsere Teams für das Komplexitäts-Management, die gute Fortschritte machen. Wir hatten nur insofern einen Rückschritt, als dass wir durch zerrissene Lieferketten während der Pandemie neue und mehr Lieferanten an Bord bringen mussten. Aber insgesamt sind die Prozesse und die Organisation, die wir etabliert haben, auf einem guten Weg.
möbelfertigung: Nummer 2: „Wir müssen bei der Homag einen gemeinsamen Weg schaffen, auf den sich alle committen.“
Dr. Daniel Schmitt: Im erweiterten Vorstand der Homag Group haben wir sehr große Einigkeit über die aktuellen Maßnahmen, aber auch über die mittel- und langfristigen Ziele.
möbelfertigung: Nummer 3: „Im Holzbau werden wir bis 2030 von 100 Mio. Euro Umsatz auf 500 Mio. Euro Umsatz wachsen.“
Dr. Daniel Schmitt: Ich halte das weiterhin für möglich. Das serielle Bauen mit einem nachhaltigen Rohstoff wird mehr und mehr kommen. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Wie viele Millionen Euro es dann wirklich sein werden, können wir erst im Anschluss beurteilen. Aber wir haben eine sehr gute Ausgangslage.
Und die Bauweise ist am Ende nicht nur nachhaltiger. Sondern auch viel schneller und effizienter. Es gibt kein Argument gegen den Holzbau.
möbelfertigung: Letzte Aussage vom letzten Jahr: „Wir haben einen passenden Fahrplan für die Zukunft.“
Dr. Daniel Schmitt: Jawohl, uneingeschränkt.
möbelfertigung: Sie haben auch gesagt, die Arbeit für die Homag Group ist mehr als nur ein Job für Sie. Jetzt müssen Jobs gestrichen werden. Wie trifft Sie das persönlich?
Dr. Daniel Schmitt: Ich bin kein Freund von öffentlichem Seelen-Striptease, aber gehen Sie davon aus, dass die Situation auch für mich sehr schwierig ist. Aus diesem Grunde stehe ich auch zu Entscheidungen, schiebe nicht andere vor und ducke mich weg. Ich stelle mich auch vor die Belegschaft und erkläre alles persönlich. Auch wenn es schlechte Nachrichten sind.
Ich bin immer noch froh, bei der Homag zu sein und es ist immer noch mehr als ein Job für mich. Aber ich bin derjenige, der das Schiff auf Kurs halten muss. Eben auch dann, wenn die Bedingungen schwierig sind.
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