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Markus Hüllmann, Chef der Kraft Group
Markus Hüllmann, Chef der Kraft Group  | 

„Wir müssen Europa mitgestalten, nicht umschiffen“

Markus Hüllmann, geschäftsführender Gesellschafter der Kraft-Gruppe und Vorstandsvorsitzender im ­VDMA-Fachverband Holzbearbeitungsmaschinen, spricht im Interview mit möbelfertigung-Chefredakteur & Netzwerkmanager Tino Eggert über strategisches Wachstum, die Rolle als Lösungsanbieter und die aktuellen Herausforderungen für den deutschen Maschinenbau.

Das komplette Gespräch können Sie in möbelfertigung.Der Podcast unter anderem HIER hören.

möbelfertigung: Herr Hüllmann, Sie kamen vor zehn Jahren von einem globalen Konzern, der GEA Group, haben die G. Kraft Maschinenbau GmbH als geschäftsführender Gesellschafter übernommen und damit den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Wenn Sie auf Anfang 2016 zurückblicken: Was war damals die Ausgangssituation bei Kraft und was hat Sie persönlich an diesem Unternehmen gereizt?

Markus Hüllmann: Mir hat von Anfang an die ­Atmosphäre bei Kraft gefallen – was die ­Amerikaner „the smell of the place“ nennen. Es gab damals eine Nachfolgesituation, da der ­langjährige Inhaber Ferdinand Kraft eine ­Lösung ­suchte. Mich haben der anspruchsvolle ­Maschinenbau und der schon damals starke Fokus auf Automatisierung sehr gereizt. Ich sah darin ein gutes Expansions- und Skalierungs­potenzial, das wir in den folgenden Jahren versucht haben zu heben.

möbelfertigung: Der Schritt in die Selbst­ständigkeit ist auch mit einem persönlichen unternehmerischen Risiko verbunden. Hatten Sie Respekt vor dieser Entscheidung?

Markus Hüllmann: Man ist gut beraten, vor einer solchen Situation Respekt zu haben. Es ist ein Unterschied, ob man als leitender Angestellter oder als selbstständiger ­Unternehmer agiert. Ich habe mir das aber zugetraut, war von der Solidität und den Perspektiven des Unternehmens überzeugt und bin dem ­damaligen ­Inhaber dankbar, dass er mir den Weg ge­ebnet hat. Ein unternehmerisches Risiko gibt es ­immer, aber ich war zuversichtlich.

möbelfertigung: In den letzten zehn Jahren ist die Kraft-Gruppe organisch und durch Zukäufe erheblich gewachsen. Meilensteine waren die Übernahme von Becker Sondermaschinenbau, des IT-Spezialisten CRCL und die Beteiligung an Dressel. Welche strategische Logik steckt hinter diesen Schritten?

Markus Hüllmann: Die Motivationen waren unterschiedlich. Becker Sondermaschinenbau, nur fünf Kilometer entfernt, bot komplementäre Technologien in der Säge- und Verpackungstechnik, was unsere Portfolios perfekt ergänzte. Bei CRCL, ursprünglich ein externer Dienst­leister für unser Digitalprodukt IDA (Intelligent Data Analytics), wollten wir die ­strategisch wichtige Kompetenz zur ­Analyse und ­Optimierung verketteter Anlagen ins ­eigene Haus holen. Dressel war ein ehemaliger ­Lieferant, und als sich die Gelegenheit bot, war es eine gute ­Add-on-­Investition in unsere Wertschöpfungskette. Man muss aber auch sagen: Neben einem strategischen Plan ergeben sich Opportunitäten, die man ergreifen kann.

möbelfertigung: Was bevorzugen Sie: organisches Wachstum oder Akquisitionen?

Markus Hüllmann: Organisches Wachstum ist immer super, wenn man die passenden ­Leute dafür hat. Anorganisches Wachstum ist im ­ersten Schritt teurer, aber man bekommt den Markt und die Mitarbeiter auf einen Schlag. Es gibt keine generelle Antwort; beides hat seinen Platz und kann strategisch verfolgt werden.

möbelfertigung: Heute besteht die Kraft-­Gruppe aus vier Divisionen: Türen/Zargen, Möbel, Dämmstoffe/Bauelemente und Verpackungssysteme. Wo sehen Sie aktuell das größte Potenzial?

Markus Hüllmann: Potenziale gibt es in ­allen Bereichen. Das größte sehe ich im Verpackungs­bereich, da es eine universelle Technologie ist, die nicht an einem bestimmten Endmarkt hängt. Als Zweites würde ich den Bereich ­Möbel ­nennen, in dem wir uns in den letzten Jahren wieder gut positionieren konnten. Türen/­Zargen ist unser größter Markt und wird es auch ­bleiben, ist aber eine Nische. Der Dämmstoffmarkt hat aufgrund der Energie­wende ebenfalls nachhaltiges Wachstumspotenzial, hängt aber, wie der Türenmarkt, stark von der Baukonjunktur ab.

möbelfertigung: Kraft wird oft als Anlagen­bauer wahrgenommen, der verschiedene Techno­logien integriert. Verstehen Sie sich eher als Integrator oder geht der Weg lang­fristig zum kompletten Maschinenbauer?

Markus Hüllmann: Die meisten Anlagen, die wir bauen, bestehen aus Maschinen, die wir selbst fertigen. Wir integrieren auch viel, aber das Allermeiste fertigen wir selbst. Wir sehen uns klar als Lösungsanbieter. Mit Einzel­maschinen in Kerntechnologien ist es schwieriger, Wettbewerbssituationen zu halten, als wenn man sich als Lösungsanbieter positioniert. Allerdings hat man als Lösungsanbieter nicht das gleiche Skalierungspotenzial. Bei uns befruchtet das eine das andere. So sind unsere Kartonzuschnitt­automaten oft das Eingangsticket in komplette, verkettete Verpackungslösungen.

möbelfertigung: Sie integrieren auch ­Maschinen verschiedener Hersteller, die teils Wettbewerber sind. Ist das eine Heraus­forderung oder eine Chance?

Markus Hüllmann: Es ist ein Spannungsfeld. Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir partnerschaftlich zusammenarbeiten und dann wieder im Wettbewerb stehen. So funktioniert dieser Markt – das macht es nicht immer einfach, aber spannend.

möbelfertigung: Sie haben Verpackung als Wachstumsmarkt identifiziert, aber auch gesagt, eine Verpackungslinie sei betriebswirtschaftlich oft anders zu rechtfertigen als eine Produktionsmaschine. Was macht Sie sicher, dass sich hier Investitionen lohnen?

Markus Hüllmann: Eine Verpackung macht ein Produkt zunächst nicht besser. Die Bereitschaft eines Kunden, in Technologien zu investieren, die sein Kernprodukt verbessern, ist oft höher. Dennoch rechnet sich die Investition in Verpackungsautomatisierung aus zwei Gründen: Erstens treibt das Thema Nachhaltigkeit den Abschied von nicht-nachhaltigen Verpackungsmaterialien voran. Zweitens bieten gerade Verpackungsbereiche, in denen oft noch viel manuelle Arbeit anfällt, ein erhebliches Rationalisierungspotenzial, da Personal schwer zu bekommen und zu bezahlen ist.

möbelfertigung: Blicken wir auf die Türen­industrie, Ihren größten Bereich. Wie schätzen Sie dort die aktuelle Investitionsbereitschaft ein?

Markus Hüllmann: Das ist regional unterschiedlich. In Deutschland gibt es ein gutes Grund­rauschen, aber vielleicht nicht mehr in dem Umfang wie vor einigen Jahren. Anders sieht es in Teilen Süd- und Osteuropas aus. In Spanien und Polen etwa werden heute fast so viele Türen wie in Deutschland hergestellt, und dort ist die Investitionsbereitschaft insgesamt höher.

möbelfertigung: In Ihrer Funktion als VDMA-­Vorstandsvorsitzender haben Sie den ­gesamten Markt im Blick. Die Produktion von Holzbearbeitungsmaschinen ist zuletzt ­gesunken. Was sind die größten Bremsklötze für den deutschen Maschinenbau?

Markus Hüllmann: Zunächst muss man sagen, wir kamen von einem sehr hohen Niveau in den Jahren 2021/22. Die Bremsklötze sind vielfältig: hohe Energiekosten, die unsere Wettbewerbs­fähigkeit belasten, und eine allgemein pessimistische Grundstimmung in Deutschland. Hinzu kommt, dass wir durch hohe Arbeitskosten ein Stück weit Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt ­haben, da andere Volkswirtschaften aufholen. Die politischen Rahmenbedingungen helfen aktuell leider auch nicht, die Situation zu verbessern. Von der Regierung hatten wir uns mehr Impulse erhofft.

möbelfertigung: Stichwort geopolitische Spannungen: Wie muss sich der deutsche Maschinen­bau aufstellen, um im Spannungsfeld von Druck aus China und US-Zöllen wettbewerbsfähig zu bleiben?

Markus Hüllmann: Wir sind gut beraten, für lokale Märkte auch lokale Lösungen anzubieten und die Wertschöpfung in anderen Märkten zu stärken. Wir dürfen die Internationalisierung nicht aufgeben. Gleichzeitig können wir uns auf unsere Stärken berufen: ein gutes Aus­bildungssystem, motivierte Mitarbeiter und eine führende Position in der Automatisierungs­technik. China ist dabei Chance und Risiko zugleich. Man muss beides sehen.

möbelfertigung: Auf unserem letzten Kongress Effiziente Möbelfertigung in der Praxis fiel der Satz, man müsse „das Risiko Europa umschiffen“, vor allem wegen der zunehmenden Regulatorik. Teilen Sie diese Einschätzung?

Markus Hüllmann: Ich teile die Analyse, aber nicht die Schlussfolgerung. Ja, wir haben zu viel Regulatorik und Bürokratie. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie man Europa mit 350 bis 400 Millionen kaufkräftigen Menschen umschiffen soll. Die Antwort ist nicht, Europa zu meiden, sondern es so mitzugestalten, dass wir weniger Bürokratie haben.

möbelfertigung: Die strategische Antwort der Branche scheint in Automatisierung und Digitalisierung zu liegen. Reicht das aus?

Markus Hüllmann: Nein, das reicht nicht aus. Ich würde das Feld auf jeden Fall um das ­Thema Künstliche Intelligenz erweitern, das das ­Potenzial hat, ein echter Gamechanger zu werden. Auch Nachhaltigkeit und neue Service­konzepte sind entscheidend. Der Service ist der größte Hebel zur Erlangung nachhaltiger ­Kundenzufriedenheit.

möbelfertigung: Wie konkret wird KI in Zukunft in Kraft-Anlagen integriert sein?

Markus Hüllmann: Unser mit CRCL ­entwickeltes Tool IDA wird heute standardmäßig mit jeder Anlage ausgeliefert. Damit sind alle unsere Anlagen bereits mit KI-gestützten Werkzeugen ausgestattet. Eine Prognose für die nächsten fünf Jahre ist schwierig, aber die Bedeutung wird enorm zunehmen. Wir müssen uns dieser Themen aktiv annehmen.

möbelfertigung: Vor zwei Jahren haben Sie die Geschäftsführung mit Andreas Bischof verstärkt. Wie sehen Sie die mittelfristige Fortführung des Unternehmens gesichert?

Markus Hüllmann: Wir führen das Unternehmen auf Management-Ebene zu dritt – Jörg Timmermann, Andreas Bischof und ich – und haben damit Stabilität und Kontinuität. Wir sind solide und stabil aufgestellt, was uns Planungssicherheit gibt. Wir sind ein Familienunternehmen, und es ist unser Ziel, dass wir auch als solches weiterbestehen. Ich habe auf jeden Fall noch einiges vor.

Herr Hüllmann, vielen Dank für das Gespräch.

Kraft Group, Markus Hüllmann, VDMA Holzbearbeitungsmaschinen