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Kommentar zur Absage der „Imm Cologne“ 2022  | 

Ein Drama, das nur Verlierer produziert

Etwa 20 Milliarden Euro setzt die deutsche Möbelindustrie jährlich um. Laut letzter Zahlen des VDM legten die Exporte deutscher Möbler bis Ende September um 17 Prozent zu, insgesamt gibt es bis September einen Zuwachs von knapp drei Prozent. Der Rückzug ins eigene Zuhause ist in aller Munde und somit die Möbelbranche erstmals Gewinner einer Krise.

Eine „große“ Möbelmesse im Mega-Markt Deutschland wird es aber im zweiten Jahr in Folge nicht geben. Was sich seit Wochen andeutete, ist seit heute auch offiziell Gewissheit: Die „Imm Cologne“ findet auch 2022 nicht statt. Ein Trauerspiel, das Verlierer auf vielen Ebenen produziert.

Zum Einen bei der Koelnmesse, deren Mitarbeiter:innen einem ehrlich gesagt mittlerweile ob der immer wiederkehrenden Nackenschläge leidtun müssen. Besonders schmerzlich: Rein rechtlich ist eine Messe, Stand heute, unter 2G oder 2G+-Bedingungen möglich. Zum Beispiel ist die Süßwarenmesse „ISM“ 2022 vom 30. Januar bis 2. Februar aktuell gut gebucht und nicht abgesagt. Doch die Möbelbranche scheint keinen unbedingten Willen zu zeigen, wenn es um Köln geht.

Daraus ergeben sich eine ganze Reihe von Fragen, deren Aufarbeitung sowohl die Koelnmesse, als auch die Branche in den kommenden Monaten beschäftigen werden. Unter anderem: Liegt die Schuld bei der Pandemie und den damit verbundenen Ängsten? Wird es eine „Imm Cologne“ 2023 in der bekannten Form geben oder wird sie anders aussehen? Ist die Koelnmesse in der Lage, ein neues Konzept auf die Straße zu bringen? Wenn ja, erreicht es die Branche überhaupt? Oder geht es der Branche aktuell einfach zu gut?

In den vergangenen Wochen häuften sich Stimmen aus der Industrie, die einen Messebesuch in der aktuellen Situation als für nicht sinnvoll erachten. Neue Produkte beziehungsweise Modelle? Gibt es vielerorts nicht. Messe machen, zumal in abgespeckter Form, ergibt deshalb keinen Sinn. Zumal der momentane Fokus auf der Lieferfähigkeit und dem Abarbeiten der übervollen Auftragsbücher liegt. Und höhere Rohstoff- und Materialpreise können wenigstens zum Teil mit eingesparten Messe- und Marketingkosten ausgeglichen werden.

Allerdings flauen die Geschäfte angesichts von 2G und Inflation gerade merklich ab. Neue Impulse und frische Ware wären deshalb dringend nötig.

Interessant auch, dass die „Imm Cologne“ mit dem VDM einen ideellen Träger hat, dessen Präsidiumsmitglieder für ihre Unternehmen überwiegend entschieden haben, nicht an der „Imm Cologne“ teilzunehmen. Wenn man dort schon kein Vertrauen in die Veranstaltung hat…

Natürlich muss jedes Unternehmen für sich eine sinnvolle Entscheidung treffen. Und es gibt sehr viele gute Gründe, eine Veranstaltung dieser Größe aktuell nicht stattfinden zu lassen. Einiges wird allerdings in Richtung Pandemie verortet, was dort nicht hingehört.

Und den vielbeschworenen Schulterschluss der Branche gibt es schon lange nicht mehr. Und möglicherweise auch kein gemeinsames Timing. Aktuell nimmt jeder mit, was er kriegen kann. Oder, wie die „möbelfertigung“ bereits im Juli mit Blick auf die „Sicam“ im italienischen Pordenone titelte: „Wir ist nicht gleich wir.“ Denn gerade die Branchen-Dickschiffe realisieren inzwischen ihre eigenen Konjunkturen. Und einige große Player scheinen der Meinung zu sein, dass sie dafür aktuell keine Messen mehr benötigen.

Eines der größten Assets des Einrichtungsbereiches der Koelnmesse sind die dynamischen, marktorientierten und relativ jungen Führungskräfte im Living-Segment. Bleibt zu hoffen, dass sie weiter an die Zukunft des Metiers Messe glauben. Andere deutsche Messegesellschaften und stark pandemie-betroffene Branchen wie die Gastronomie und Hotellerie erleben gerade, dass ihre besten Mitarbeiter:innen das in schwerer See befindliche Schiff schnellstmöglich verlassen. Denn irgendwann fehlt die Kraft, um weiter gegen immer höher werdende Wellen anzukämpfen. Darin liegt auch die Antwort auf die Frage zur Zukunft der „Imm Cologne“: Ein konzeptioneller Restart mit einer dann verbliebenen „Restcrew“? Dürfte kaum möglich sein.

Wie gesagt, in den kommenden Wochen sind viele Fragen zu klären. Einige davon dürften uns überraschen, viele werden schmerzhafte Antworten produzieren. An ein „es wird schon wieder werden in 2023“ ist momentan schwer zu glauben. Verloren haben irgendwie alle. Übrigens auch wir, das Vincentz Network. Unter anderem die vielen interessanten Gespräche und spannenden Themen, die auf einer Messe so selbstverständlich sind.

Tino Eggert

Chefredakteur & Objektleiter arcade & möbelfertigung im Vincentz Network

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