Mittwoch, 07.04.2021, 08:21 Uhr Homag- & Dürr-CEO Ralf W. Dieter im Interview

„Ich werde Homag wieder mittelständischer führen“ – Schlanker, schneller und mehr Verantwortung in die Breite

Seit Januar führt Dürr-CEO Ralf W. Dieter als Vorstandsvorsitzender operativ auch die Homag Group. Erste Eckpfeiler sind gesetzt: Er hat klarere Strukturen geschaffen und beispielsweise Komplexität im Vertrieb reduziert. Zudem treibt Ralf W. Dieter die Digitalisierung des Unternehmens voran. Seine Erfahrung als Beirats-Vorsitzender der IIoT-Plattform „Adamos“ dürfte der Homag Group dabei zu Gute kommen...

möbelfertigung: Herr Dieter, Sie waren bis 31. Dezember 2020 Aufsichtsrats-Chef der Homag Group. Bereits seit 2006 sind Sie Vorstandsvorsitzender der Dürr AG. Was hat Sie gereizt, jetzt zusätzlich auch den Vorstandsvorsitz der Homag Group und damit operativ die Verantwortung für weitere knapp 7.000 Mitarbeiter weltweit zu übernehmen?
Ralf W. Dieter:
Homag hat mich schon immer begeistert. Auch deshalb habe ich den Kauf der Homag 2014 forciert. Bei Dürr gibt es drei Teilkonzerne: Dürr Systems, Schenck und Homag. Ich war lange Jahre als quasi oberster Vertriebler auf der Automobilseite unterwegs. Das hat nun mein Kollege und Stellvertreter Dr. Jochen Weyrauch übernommen. Nach dem Ausscheiden von Pekka Paasivaara als Homag-CEO bot sich dann diese Gelegenheit, den Vorstandsvorsitz der Homag selbst zu übernehmen. Weil es mir wichtig ist, dort Akzente zu setzen, die das Unternehmen noch besser machen, habe ich die Chance wahrgenommen.

möbelfertigung: Auf welchen Führungsstil dürfen sich die Homag-Mitarbeiter jetzt einstellen?
Ralf W. Dieter:
Ich will Homag wieder mittelständischer führen und schneller machen. Bei Dürr leben wir einen kooperativen Führungsstil mit schnellen Entscheidungen. In diesen Punkten kann und muss die Homag Group besser werden. Denn sie ist aktuell etwas zu „konzernig“ und überstrukturiert, was auch die Kunden kritisiert haben.
Im Vertrieb konnte ich bereits einige Restriktionen und Abstimmungsprozesse abschaffen und Entscheidungswege vereinfachen, um schneller, agiler und flexibler zu sein. Das war tatsächlich mein erstes Thema und die Mitarbeiter haben die Änderungen hochmotiviert mitgetragen.

möbelfertigung: Die ersten wichtigen Akzente haben Sie also bereits gesetzt...
Ralf W. Dieter:
Ja, schlanker, schneller, Komplexität reduzieren, mehr Verantwortung in die Breite und insbesondere klarere Strukturen. Zudem wollen wir für unsere Kunden transparenter werden.
Es gibt jetzt ein Homag Management Board, in dem jedes Mitglied finale Entscheidungskompetenz für seinen Verantwortungsbereich hat. Das war vorher nicht so.

möbelfertigung: Werden die einzelnen Länder-Niederlassungen wieder eigenständiger agieren?
Ralf W. Dieter:
Die Vertriebsgesellschaften haben jetzt in der Tat mehr Entscheidungsfreiheit. Die geht allerdings auch einher mit mehr Verantwortung. Wir vertrauen den Mitarbeitern, dass sie ihren Markt kennen und bearbeiten können.
Auf der anderen Seite haben wir große Werke in der Welt, die über die Business Units mit abgestimmt werden. Dort soll es keine elementaren Änderungen geben, weil die Produktionen im Sinne einer globalen Wertschöpfung sehr eng miteinander verzahnt sind.
Grundsätzlich gilt bei Dürr: Der Mitarbeiter ist Unternehmer im Unternehmen. Diesen Gedanken wollen wir bei Homag stärken.

möbelfertigung: Wie ist Ihr Blick auf die Möbelbranche?
Ralf W. Dieter:
Die Branche gliedert sich in die großen industriellen Hersteller und die enorme Breite an handwerklichen Betrieben. Beide sind für uns extrem wichtig. Einige Key-Kunden habe ich bereits getroffen, und unser Jahr ist in beiden Bereichen gut angelaufen.
Die Arbeit in der Möbelbranche macht Spaß, weil die Kunden sehr kompetent sind und genau wissen, was sie wollen und brauchen. Wenn diese Kunden auf unsere ebenso kompetenten Mitarbeiter treffen, ergeben sich spannende Gespräche.

möbelfertigung: Welche besonderen Stärken sehen Sie bei der Homag Group? Welche wollen Sie ausbauen?
Ralf W. Dieter:
Bei Dürr haben wir enorme Anstrengungen in das Thema Nachhaltigkeit gesteckt, beispielsweise bei Lackieranlagen.  Viele wissen nicht, dass ungefähr 70 Prozent der Energie in der Automobil-Produktion von der Lackierung verbraucht wird. Diesen Anteil konnte Dürr erheblich senken.
Homag verkörpert Nachhaltigkeit und passt auch deshalb sehr gut zu Dürr. Das Thema spielt in vielen Geschäftsbereichen eine zentrale Rolle, vor allem natürlich im Holzhausbau.
Zudem hat Homag unglaublich kompetente Mitarbeiter mit extrem viel Branchen-Know-how, die von ihren Produkten begeistert sind. Wir haben einen tollen Service, den wir noch weiter ausbauen wollen. Schließlich entscheidet sich dort die langfristige Kundenbindung. In Sachen Digitalisierung sind wir ganz vorne dabei. Auch im Systemgeschäft, wenn es um das Ausstatten von kompletten Fabriken geht, ist Homag sehr stark. Aber wir können noch besser werden.

möbelfertigung: Gibt es Ansätze aus den anderen Geschäftsbereichen, die sich auf Homag übertragen lassen?
Ralf W. Dieter:
In den letzten Wochen hat sich ein regerer Austausch etabliert. In Sachen Digitalisierung und System-Projektmanagement kann Homag noch von Dürr profitieren. Im Einkauf arbeiten wir enger zusammen. In Sachen IT-Infrastruktur können die Geschäftsbereiche voneinander lernen, weil viel Know-how mit verschiedenen Schwerpunkten vorhanden ist. Der ganze Konzern rückt näher zusammen.

möbelfertigung: China war und ist ein Wachstumsmarkt. Homag hat die Vertriebsgesellschaft dort selbst übernommen. Wie weit sind Sie? Was verändert sich dadurch?
Ralf W. Dieter:
Im Vertrieb haben wir nicht viel geändert, weil es nicht viel zu verbessern gibt. Das Augenmerk liegt eher auf den administrativen und kaufmännischen Themen. Finanzbuchhaltung, IT-Prozesse etc. Wir haben einen langjährigen Schenck-Präsidenten, Peter Legner, in China, der dort auch für Homag Co-CEO wird. Er verfügt über viel lokale Markterfahrung und spricht Chinesisch. Davon versprechen wir uns eine Menge.

möbelfertigung: Wie schätzen Sie die Perspektiven für die USA ein?
Ralf W. Dieter:
Wir sind erst mal froh, dass wir dort mit Stiles direkt vor Ort sind. Am Ende haben die Amerikaner ja den gleichen Effekt wie wir, was das Arbeiten von Zuhause – und damit Investitionen in neue Möbel für die eigenen vier Wände – angeht.
Im vergangenen Jahr gab es eine Delle bei den großen Projekten. Dort wird sich in diesem Jahr wieder einiges verbessern.
Und ansonsten hoffen wir natürlich nach der Wahl von Joe Biden auf etwas mehr Stabilität und eine bessere Geschäfts-Atmosphäre.

möbelfertigung: Ein großes Thema der vergangenen Monate waren Schwächen in den globalen Lieferketten. Sehen Sie Märkte, in denen Homag präsenter sein muss, um diese Probleme zu umgehen?
Ralf W. Dieter:
Ich glaube, wir sind schon ganz gut aufgestellt und froh, auch an mehreren Standorten im Ausland zu produzieren.
Insgesamt war Homag von dem Lieferkettenproblem aber während der ganzen Zeit nicht nennenswert betroffen.
Trotzdem glauben wir, dass Lieferketten wieder etwas regionaler werden. Bei Dürr Systems ist es auch jetzt schon so, dass eigentlich alles in den entsprechenden Märkten vor Ort produziert wird. Mit Homag sind wir bereits auf einem guten Weg, haben aber auch Potenzial, noch mehr zu lokalisieren. Daran arbeiten wir.

möbelfertigung: Wie stehen Sie zum Lieferkettengesetz?
Ralf W. Dieter:
Unternehmen brauchen saubere Lieferketten und müssen ethische Standards beachten – Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Das ist ein wesentlicher Bestandteil von Nachhaltigkeit. Zugleich bin ich als Volkswirt der Meinung, dass man nicht überregulieren soll und den administrativen Aufwand in angemessenem Rahmen halt muss. Da hat das Gesetz Schwächen, das hat auch der VDMA klargemacht.
Wohin Überregulierung führt, zeigt die Datenschutzgrundverordnung, die vielen Unternehmen Probleme gemacht hat. Unsere Dürr-Unternehmen untereinander mussten intern Tausende Verträge mit sich selbst abschließen, um alle Regularien zu erfüllen.

Teil 2 des großen Interviews mit Homag- & Dürr-CEO Ralf W. Dieter lesen Sie morgen um 10.00 Uhr. Unter anderem Thema: Die IIoT-Plattform „Adamos“, Bauen mit Holz, Service sowie die Wachstumsziele bezogen auf Marktanteil und EBIT.

Das gesamte Interview folgt dann in der gedruckten Ausgabe, „möbelfertigung 3/2021“, die am 28. April erscheint.

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