Freitag, 12.06.2020, 16:05 Uhr Österreichische Möbelindustrie

Das könnten die Wohntrends nach Corona sein

Dr. Georg Emprechtinger, Vorsitzender vom Verband der Österreichischen Möbelindustrie, hat sich im Rahmen seiner Verbandstätigkeit Gedanken darum gemacht, inwiefern die Auswirkungen der Corona-Krise unsere Welt verändert haben. Und welchen Einfluss die Pandemie direkt und indirekt auf die Vorstellungen der Endkonsumenten im Bezug auf Möbel und ihr häusliches Wohnumfeld haben könnten.

„Unter dem Motto ,weniger ist mehr‘, rückt die Wertigkeit der Dinge jetzt in den Vordergrund. Bewusste Anschaffungen, überlegte Investitionen und das Bedürfnis, echte Wünsche zu erfüllen, verändern das Konsumverhalten. Regionale Kost, nachhaltige Zutaten und unverfälschter Genuss – Produkte sollen nicht nur schmecken oder gefallen, sondern auch guttun. Das spiegelt sich in der Einrichtung wider. Denn das Bewusstsein für Dinge, die Körper und Seele guttun, uns physisch, aber auch mental stärken, hat zugenommen. Nachhaltige Möbel ebenso wie Polster und Einrichtungssysteme mit hoher Funktionalität kommen diesem Trend entgegen und bieten den Menschen nicht nur einen spürbaren Mehrwert, sondern auch einen hohen Komfort und ein sicheres Gefühl“, so Emprechtinger.

Die folgenden zehn Wohntrends bringen diese Entwicklung auf den Punkt und zeigen: Nicht der schnelle, flüchtige Konsum wird gesucht, sondern Möbel, die eine Bindung schaffen, die eigene Persönlichkeit widerspiegeln und sich individuell in jede Lebensform integrieren lassen.

1. Wohnen gewinnt an Bedeutung: Das Zuhause erfuhr schon vor Corona eine Aufwertung im persönlichen Ranking. Wohntrends wie Cocooning und Homing waren Ausdruck der Sehnsucht, es sich in den eigenen vier Wänden heimelig und gemütlich zu machen. Fernab von einer sich rasend schnell drehenden Welt. Diesem Bedürfnis nach emotionaler Wärme hat der Shutdown in den letzten Wochen einen regelrechten Push verliehen. So wirkten die Ausgangsbeschränkungen wie eine Atempause in unserem hypermobilen und hektischen Alltag. Dabei schälte sich schnell heraus, was wirklich wichtig ist: Ein Zuhause, das Sicherheit gibt, uns auffängt und die Familie schützt.
Dieser Wunsch schlägt sich auch im Wohnen nieder und wirbelt alte Wertekonzepte durcheinander. Ob der Wochenend-Kurztrip nach Barcelona, ein schneller Burger unterwegs oder die zwölfte Jeans – Konsumgewohnheiten erfahren eine neue Rangordnung: Wohnen steht weit oben auf der Wunschliste und hängt Reisewünsche oder Autoträume ab. Denn die mobile Gesellschaft ist sesshaft geworden.

2. Bleibende Werte versus Fast Living: In den vergangenen Wochen haben viele Menschen eine Entdeckungsreise zu sich und zu ihren tiefen inneren Bedürfnissen erlebt. Achtsamkeit und Stille contra Shopping-Touren und volle Terminkalender hieß die Devise. Und wirkte ähnlich wie eine Fastenkur. Sie schafft ein Gefühl dafür, was der Körper tatsächlich braucht. Wer es schon einmal erlebt hat, kann sich an das berauschende Geschmackserlebnis bei der ersten Mahlzeit danach erinnern. Sogar alltägliche Speisen entzücken den Gaumen mit Aromen, die er völlig neu erfährt. Vergleichbar verhält es sich mit dem Corona-bedingten Rückzug ins Private. Befreit von den multiplen Sinneseindrücken der Umgebung, entwickelt sich eine neue Besonnenheit. Dinge um uns herum werden bewusst wahrgenommen und das Augenmerk richtet sich auf schöne handwerkliche Details oder eine liebevolle Verarbeitung. Qualität steht jetzt im Fokus und der Wunsch wächst, diese Transformation auch in unserem Lebensumfeld zu spüren. Langlebige Möbel, die unser Leben begleiten und patinafähig sind, werden zu Liebhaberstücken, zu denen wir eine Bindung aufbauen. Individuell und maßgeschneidert.

3. Nachhaltige, grüne Möbel: Nicht erst seit der „Fridays for Future“-Bewegung und Corona steht der ausufernde Konsum im Kreuzfeuer der Kritik. Denn er geht auf Kosten der Umwelt und ist für viele Menschen auch moralisch bzw. ethisch nicht haltbar. Insbesondere bei jüngeren Generationen (XYZ) gehören Nachhaltigkeit, Klimaschutz sowie ein ökologisch verträglicher Lebens- und Konsumstil zu den Kernwerten. Parallel dazu wächst das Gesundheitsbewusstsein. Bewegung, gesunde Kost und Naturprodukte stehen hoch Kurs. Wohngesunde Materialien und der Verzicht auf Chemie oder künstliche Stoffe sind nicht mehr nur für Allergiker interessant. Im Gegenteil: Immer mehr Verbraucher achten auf die Zutaten, aus denen ihre Möbel gefertigt wurden.
Schadstoffanalysen und Zertifikate geben Auskunft und gewinnen beim Käufer an Bedeutung. Denn der Stellenwert von Nachhaltigkeit, ökologisch einwandfreier Fertigung und individuellen Qualitätsprodukten aus unbehandelten Werkstoffen steigt spürbar an.

4. Regionale Produkte stehen im Fokus: Nicht nur die jungen Verbraucher ernähren sich bewusst, reduzieren ihren Fleischkonsum und sind Stammkunden beim Bioladen um die Ecke. Auch die älteren Generationen schauen genau hin und kaufen bevorzugt regional ein. Das Wohnumfeld soll frei von Schadstoffen sein und das Holz des Tisches nicht aus Regenwäldern stammen, sondern aus nachhaltig bewirtschafteten europäischen Wäldern. Genauso wenig verträgt sich die Schönheit eines handgeknüpften Teppichs mit Kinderarbeit. Der bewusste Verbraucher stellt sich daher immer öfter die Frage nach der Herkunft und den Fertigungsbedingungen eines Möbels. Außerdem hat Corona gezeigt: Regionale Produkte schaffen Vertrauen. Kurze Wege, ein hoher Service-Standard und verbriefte Qualität sind Werte, die in unsicheren Zeiten wieder stärker nachgefragt werden.

5. Moderne Feuerstellen für Familie und Freunde: Coworking, Coliving, Hotellobbys zum Chillen – in den vergangenen Jahren rückten gemeinschaftliche Aspekte immer stärker in den Fokus der Innenarchitektur und setzten starke Impulse. Die Menschen sind zusammengerückt und das gern. Damit war Ende März Schluss: Corona verordnete uns soziale Distanz im öffentlichen Raum. Doch zu Hause zelebrieren wir die Geselligkeit am großen Holztisch, in der Küche beim Zubereiten der Mahlzeit und Seite an Seite auf dem Sofa, mit Relaxfunktionen, die sich individuell nach Wunsch konfigurieren lassen. Boxenstopp war früher – heute erobern wir unseren Raum zu Hause zurück und genießen ihn ausführlich mit den Liebsten. Ob gemeinsame Spieleabende oder leidenschaftliche Koch-Events – das Heim avanciert zur modernen Feuerstelle des familiären Lebens. Denn nach wie vor sind es die sozialen Beziehungen, die für Wohlbefinden sorgen. Zahlreiche Ergebnisse aus der Glücksforschung belegen: Gemeinschaft macht glücklich – sofern es genug persönliche Rückzugsmöglichkeiten gibt.

6. Flexible Raumlösungen und individueller Rückzug: Persönliche Zonen und Raum für Intimsphäre – das gilt in Corona-Zeiten umso mehr. Eltern, die 24/7 mit ihren Kindern zusammen sind, sie unterrichten, zu Hause arbeiten, kochen und putzen, benötigen Auszeiten und einen ungestörten Ort. Zum Abschalten, Entspannen und Kraft schöpfen. Die modernen Architekturen sind auf diese Grundbedürfnisse eingestellt. Während früher häusliche Funktionen in diversen Räumen stattfanden, passen sich die Grundrisse in den Neubauwohnungen flexibel an und eröffnen einen kreativen Lifestyle. Offen gestaltet, verschmelzen die Bereiche Kochen, Essen und Wohnen zu einer großen Living-Area. Denn das Wohnen befindet sich im Wandel: Verschiedene Areale im Hause strukturieren den Tag und nehmen an Relevanz zu. In Zukunft wird es daher darauf ankommen, Grundrisse so flexibel zu gestalten, dass sie den verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden und auch Individualwohnraum ermöglichen.

7. Wohnen zwischen Gemütlichkeit und Repräsentation: Neben privaten Zonen muss es aber auch Raum für den Arbeitsbereich und die repräsentative Seite des Wohnens geben. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass viele Wohnungen aktuell noch nicht optimal für digitale Telefon- und Video-Konferenzen gerüstet sind. So brachten TV-Interviews mit hochrangigen Experten, Politikern, ja sogar Stars bisweilen Erstaunliches zutage. Skurrile Eyecatcher im Hintergrund lenkten mitunter von der Expertenmeinung aus dem Home-Office ab und ließen so manchen Zuschauer vor dem TV-Gerät schmunzeln. Wenn zum Beispiel die profilierte CNN-Redakteurin im perfekt sitzenden Kostüm und mit akkurater Frisur vor einem Regal mit Nippes und Porzellanfiguren saß, wirkte es doch irgendwie irritierend. Und zeigt: Privates wird öffentlich und Öffentliches privat. Diese Symbiose wird sich künftig stärker in der Gestaltung niederschlagen. Formaler, aber dennoch gemütlich, bis hin zu sichtbar inszenierten Bereichen. Viele Influencer machen es mit ihren Posts am Schreibtisch-Stillleben vor: Der scheinbar private Bereich wird zur Schau gestellt und gestylt.

8. Differenzierung und Professionalisierung des Home-Office: Für den modernen Arbeitsplatz zu Hause sind jetzt raffinierte Lösungen gefragt, die sich in Nischen des Wohn- oder Schlafraums integrieren lassen. Funktionale Schreibtische fügen sich perfekt ins private Wohnbild ein, Schränke bieten Schreibtischlösungen, die nach getaner Arbeit unsichtbar werden, und wohnliche Desktop-Lösungen halten Einzug in unsere Wohnräume. Millionen Arbeitnehmer arbeiten derzeit von zu Hause aus. Dank neuer Online-Tools erwies sich das Home-Office als überraschend effizient. Experten erwarten zwar keinen grundlegend strukturellen Wandel, gehen daher davon aus, dass das heimische Büro ein fester Bestandteil unserer Arbeitswelt bleiben wird.
Das verändert nicht nur unseren Alltag und das Zusammenleben, sondern auch unseren Arbeitsplatz. Denn die zunehmende Digitalisierung, globale Netzwerke und neue Technologien revolutionieren Denk- und Raumstrukturen. Zwar mag der Küchentisch vorübergehend seinen Dienst tun. Als langfristige Lösung erfüllt er aber ebenso wenig wie Großvaters Biedermeier-Sekretär die ergonomischen und funktionalen Bedürfnisse eines modernen Büroalltags. Entsprechend findig sind die Angebote und Ideen für professionelle Features in puncto Ergonomie, Funktionalität und Ästhetik. Aber auch die Akustik wird ein wesentlicher Aspekt des Home-Office werden. Insbesondere wenn im Haushalt viele Menschen und Kinder leben, machen sich Akustikpaneele, Textilien, flexible Trennwände oder Raumteiler, die Lärm schlucken und abschirmen, schnell bezahlt.

9. Technisierung des Wohnens: Trotz des Rückzugs zu traditionellen Werten etablieren sich digitale Haustechniken und mitdenkende Systeme. Ob Smart Home, Connectivity oder Home connect – digitale Assistenten wie Siri, Alexa & Co. erleichtern den Alltag und erleben jetzt ihren wahren Durchbruch. So lassen sich heute schon verschiedenste Funktionen wie Klimatisierung, Sicherheit, Licht, Küchen- und Badanwendungen digital miteinander verknüpfen und via Sprachsteuerung bedienen. So stehen beispielsweise Herd und Dunstabzugshaube in regem Kontakt. Außerdem lassen sich Kühlschranke von unterwegs aus „connecten” und Backöfen digital managen.
Die Hightech-Talente tragen aber nicht nur zum komfortablen Wohnen bei, sondern geben auch Sicherheit. Einbruchschutz, automatische Bewässerung des Gartens, Wärmeregelung oder das Einschalten der Kaffeemaschine am Morgen erleichtern das Leben zu Hause. Aber damit ist das Thema längst noch nicht ausgereizt. Denn auch die Möbel selbst überraschen mit aktuellen Features auf höchstem Niveau: So fahren Polster via Elektro-Antrieb und per Knopfdruck sanft in den Entspannungsmodus, Schubladen schließen selbsttätig, Licht im Inneren der Möbel sorgt für Durchblick und Boxspring-Luxus verspricht einen erholsamen Schlaf. Integrierte Ladestationen und beheizbare Polster runden das Verwöhnprogramm ab und bringen noch mehr Komfort ins Wohnen.

10. Naturbezug: innen und außen verschmelzen: Als Gegentrend zur Digitalisierung rückt die Natur wieder verstärkt in den Fokus. Vor allem in der Zeit des Shutdowns haben die Menschen auf Spaziergängen, Radtouren oder Jogging-Runden ihre Vorzüge genossen. Die beruhigende Wirkung des Waldes, der besondere Duft frischen Holzes und ein erholsames Durchatmen haben uns daran erinnert, dass die kleinen Momente des Glücks oft ganz in unserer Nähe sind. Gerade in Umbruchzeiten ist eine Sehnsucht nach echten, unverfälschten Materialien zu beobachten. Ob zu Beginn der Industrialisierung oder jetzt mitten in der digitalen Transformation – die Nähe zur Natur entschleunigt und beruhigt.
Das Innehalten während der Corona-Krise verstärkte dieses Bedürfnis. Intensive Naturerlebnisse als Gegenpol zur virtuellen Welt spiegeln sich auch in den Einrichtungstrends wider. Anstelle von glatten klinischen Oberflächen erobern Naturhölzer und matte Flächen die Wohnbereiche. Städter holen sich Pflanzen in ihre Wohnung und pflegen einen Dschungle-Style mit Monstera, Calathea und Geigenfeige – oder sie legen sich einen vertikalen Indoor Garden an. Wer ein Haus im Grünen besitzt, bezieht den Garten in den Wohnbereich ein – mit großen Glasfronten, einer ansprechenden Outdoor-Lounge oder sogar einer Küche im Freien.
Der Wunsch nach mehr Natur wird künftig auch die Stadtplanung und Architektur prägen: Begrünte Dachflächen, Parkanlagen in Innenhöfen und eine Abkehr von den Miniatur-Balkonen bringen Leben in das urbane Umfeld und punkten mit innovativen Garten-Konzepten und Grünanlagen.






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