Freitag, 20.03.2020, 13:15 Uhr Umgang mit der Corona-Krise – die „möbelfertigung“ fragt nach

Phillipp Aldinger, Inhaber und Geschäftsführer der Steimel Sitzmöbelfabrik

Wie ist die Situation in den einzelnen Unternehmen? Erste Produktionen ruhen, geschlossene Grenzen, neue Vorgaben im Speditionsbereich, mittlerweile sind auch einige Zulieferteile schwieriger zu bekommen. Und auch der Produktionsstopp in China macht sich durch ausbleibende Container-Lieferungen bemerkbar. Die „möbelfertigung“ hat sich am Markt umgehört und mit Anbietern entlang der Wertschöpfungskette gesprochen.

„möbelfertigung“: Herr Aldiger, inwiefern sind Sie produktionsseitig von der Corona-Krise betroffen?
Philipp Aldinger: In der Produktion läuft aktuell noch alles wie gewohnt. Wir haben einerseits mögliche Engpässe durch das Corona-Virus schon im Vorfeld befürchtet und haben darum unsere Lagerhaltung mit Zulieferteilen erhöht. Wir haben beispielsweise kein eigenes CNC-Bearbeitungszentrum, lassen Gestellteile extern vorwiegend in Deutschland fertigen. Und sind gut gerüstet, um Stühle, Bänke und Tische auch in den kommenden Monaten ohne große Einschränkungen produzieren zu können.
Was viel schwerer wiegt sind Aufträge, die ausbleiben oder ausbleiben werden. Derzeit sind wir bis Mitte Mai ausgelastet mit bestehenden Aufträgen, die fertiggestellt und ausgeliefert werden müssen. Vieles davon mit engem Terminplan. Jetzt stehen wir aber vor einer völlig neuen Situation: Unsere Hauptabnehmer in der Gastronomie und Hotellerie treffen die Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus mit voller Wucht, viele haben nicht nur rückläufige Zahlen, sondern mit den allerneusten Entwicklungen schlichtweg keine Einnahmen mehr. Bei einem Unternehmen mit eher dünner Kapitaldecke ist das nicht unbedingt der Zeitpunkt, um eine neue hochwertige Einrichtung zu planen.

„möbelfertigung“: Derzeit gilt es als Unternehmen tatsächlich, sich immer wieder mit neuen Maßnahmen und Situationen auseinander zu setzen. Gibt es bei Steimel einen „Notfallplan“?
Philipp Aldinger: Ich würde es nicht unbedingt Notfallplan nennen. Aber ja, wir haben jetzt sehr schnell eine Idee für uns entwickelt. Immerhin gilt es, das Unternehmen abzusichern und durch diese schwierige Phase zu führen. Gerade erst hatten wir über die vollzogene Übernahme gesprochen sowie das Jubiläum und sehen uns keine drei Wochen später einer völlig neuen Situation gegenüber.
Wir wollen jetzt alles dafür tun, um die Arbeitsplätze unserer Angestellten langfristig zu sichern.
Hier kam uns entgegen, dass wir bereits vor einem Jahr mit einigen Umstellungen begonnen haben: Wir produzieren mittlerweile nicht mehr ausschließlich auftragsbezogen. Denn in diesem Fall haben wir selten ein „allgemeines Grundrauschen“, sondern immer bestimmte Peaks in der Produktion. Wir gehen mehr Risiko ein, produzieren kleine Mengen ohne Auftrag vor und individualisieren dann, wenn der Auftrag kommt. Das ermöglicht es uns, auf deutlich kleinere Losgrößen eingehen zu können. Darum möchten wir ab sofort nicht nur die Industrie ansprechen, sondern auch Endkonsumenten im gehobenen Bereich. Wir forcieren neben dem B2B-Business auch das B2C-Geschäft. Und hoffen, dass wir uns damit jetzt und auch in Zukunft stabiler aufstellen können. Allerdings sprechen wir mit unserem Portfolio auch nur eine bestimmte Klientel im gehobenen Bereich an und nicht die breite Masse.

„möbelfertigung“: Sie forcieren also ein ganz neues Vertriebsmodell gegen die „Corona-Krise“?
Philipp Aldinger: Ganz genau. Stellen Sie sich die Situation vor: Ein Gastronom hat gestern erfahren, dass er ab heute nur noch tagsüber aufmachen darf bis 18 Uhr. Oder eventuell garnicht mehr. Das ist also ein Totalausfall. Diesen Kunden kann ich schlecht anrufen, um nachzufragen, ob er neue Stühle benötigt. Er hat schlichtweg andere Sorgen.
Wir haben auch überlegt, eine Umpolster-Offensive zu starten. Viele Unternehmen nutzen die Zeit jetzt sicherlich für derartige Dinge. Aber wir wollen Sicherheit für unser eigenes Unternehmen, Sicherheit für unsere Mitarbeiter. Darum haben wir uns entschlossen, diesen Weg zu gehen.
Und auf der anderen Seite, sitzen derzeit viele isoliert im Homeoffice, verbringen viel mehr Zeit daheim. Insofern wird sicherlich mehr Zeit vorhanden sein, um sich mit der Einrichtung auseinanderzusetzen.

„möbelfertigung“: Wie bewerten Sie die Maßnahmen zur Einschränkung der Verbreitung des Corona-Virus im Allgemeinen?
Philipp Aldinger: Ich halte das für absolut richtig, auch wenn es diese wirtschaftlichen Folgen hat. Wir setzen intern auch alles Menschenmögliche an Schutzmaßnahmen um, damit unsere Mitarbeiter bestmöglich zu schützen. Das reicht von Desinfektionsmitteln an mehreren Stellen im Unternehmen bis hin zu Atemmasken.

„möbelfertigung“: Kann man sich auf solch eine Situation überhaupt irgendwie vorbereiten?
Philipp Aldinger: Natürlich denkt man als Unternehmer voraus. Aber für das, was wir derzeit erleben, kann man sich nicht wirklich rüsten. Wir drosseln jetzt die Produktion, versuchen einiges über den Abbau von Überstunden und vorgezogenen Urlaub aufzufangen. Und nutzen unsere Zeit eben für die Umsetzung neuer Ideen. Viel mehr können wir leider nicht tun. Genauso wie alle anderen Unternehmen in allen Branchen müssen wir die Lage täglich oder sogar noch häufiger neu bewerten.

„möbelfertigung“: Gibt es grundlegende Empfehlungen, die sie an andere und vielleicht auch Kunden weitergeben würden?
Philipp Aldinger: Kunden, die es sich leisten können, sollten diese „Zwangspause“ nutzen, um zu renovieren, wenn nötig. Damit Sie wieder durchstarten können, sobald sich die Lage beruhigt hat und ihre Kunden mit neuem Schwung empfangen können. Auch hier ist das Umpolstern vorhandener Möbel ein gutes Stichwort, quasi aus „alt mach neu“.

„möbelfertigung“: Ziehen Sie eventuell auch positive Lehren aus der aktuellen Situation?
Philipp Aldinger: Ich stelle fest, dass wir auf geschäftlicher Ebene enger zusammenrücken. Ich hatte ein Gespräch wegen einer zweiten Abschlagszahlung mit einem Kunden und erfuhr viel Entgegenkommen. Im Gegenzug konnten wir an anderer Stelle auch im Sinne von Kunden eine gute Lösung finden. So macht das Business dann wirklich Spaß, wenn es ein echtes Miteinander ist. Besonders eben in schwierigen Zeiten.








Externe Links:
steimel.de

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