Dienstag, 27.08.2019, 15:55 Uhr VDM-Geschäftsführer Jan Kurth

Bilanz auf der heutigen Jahres-Wirtschafts-Pressekonferenz

Wie steht es um die deutsche Möbelindustrie? Jan Kurth, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie (VDM) gab heute anlässlich der Jahres-Wirtschafts-Pressekonferenz des Verbandes in Köln ein ausführliches Statement ab.

„Der zweite Hitzesommer in Folge ist auch an der deutschen Möbelindustrie nicht spurlos vorübergegangen. Nach einem leichten Umsatzanstieg im zweiten Halbjahr 2018 hat sich die Konjunktur bei den deutschen Herstellern bis zum Sommer 2019 wieder abgekühlt. Von Januar bis Juni lagen die Umsätze der Branche bei rund 8,9 Milliarden Euro und damit um 1,8 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Da die heimischen Hersteller nahezu zwei Drittel ihrer Umsätze im Inland generieren, spiegelt die aktuelle Branchenentwicklung auch die Situation im deutschen Möbelhandel, der insbesondere auf der Großfläche geprägt ist von deutlichen Frequenzrückgängen. Im Handel findet verstärkt eine Verlagerung in Richtung Onlinevertrieb statt. So meldet der Bundesverband E-Commerce einen Anstieg der Umsätze in den Bereichen Möbel, Lampen und Dekoration von 14,4 Prozent im zweiten Quartal dieses Jahres. Diese Entwicklung schreitet weiter voran und wir halten mittelfristig einen Anteil der Möbel-Onlineumsätze von 25 Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre durchaus für realistisch. Das bedingt selbstverständlich auch Anpassungsprozesse auf Seiten der Hersteller, die den gesamten Prozess von der Produktentwicklung bis hin zur Vermarktung digital denken müssen. Gerade der Vertrieb über reine Online-Marktplätze bedingt digitale Produktdaten, die beispielsweise auch in Konfiguratoren oder beim Thema Augmented-Reality benötigt werden.

Aber bei den Themen „Online“ und „stationär“ geht es nicht um ein entweder oder, sondern um ein sowohl als auch. Bereits im vergangenen Jahr hatten wir in einer Verbraucherbefragung festgestellt, dass die Mehrzahl der Deutschen [bis 40 Jahre 77 %, Gesamtbevölkerung 48 %] sich vor dem Möbelkauf Online informieren. Diese Verbraucher gehen also mit deutlich größerer Vorbildung als je zuvor an den Kauf und das sollten wir gemeinsam mit dem Handel offensiv nutzen. Informationen zur Funktionalität der Möbel, zu den verbauten Materialen und Inhaltsstoffen sowie zur Herkunft des Produktes müssen als wichtige Unterscheidungsmerkmale bei der Recherche im Netz angesehen werden.

Nicht nur durch das Thema Online ist die Branche stark in Bewegung. Die aktuelle Lage der Unternehmen kann derzeit zwar als angespannt bezeichnet werden, sie ist aber nicht durchweg schlecht, wie die vom VDM im Sommer durchgeführte Umfrage zur wirtschaftlichen Lage zeigt: Die aktuelle Geschäftslage wird von 48 Prozent der Teilnehmer als befriedigend bzw. gut (39%) eingeschätzt. Nur 13 Prozent bewerten die aktuelle Geschäftslage als schlecht. Im Vergleich zum Sommer 2018 zeigt sich damit für die Mehrheit (39%) der Befragten ein gegenüber dem Vorjahr unverändertes Stimmungsbild.

Unterschiede offenbaren sich in der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage im Inland und im Exportgeschäft. Während die Lage im Inlandsgeschäft von den meisten Befragten (61%) als befriedigend bewertet wird, ist das Bild beim Exportgeschäft negativer: 46 Prozent schätzen dieses zwar als befriedigend, weitere 32 Prozent allerdings als schlecht ein.

Die einzelnen Segmente der deutschen Möbelindustrie entwickelten sich von Januar bis Juni 2019 nach Angaben der amtlichen Statistik uneinheitlich. Die Küchenmöbelhersteller verzeichneten einen leichten Umsatzanstieg um 1,4 Prozent auf rund 2,5 Milliarden Euro Auch die Büromöbelindustrie wies mit einem Umsatz von rund 1,1 Milliarden Euro ein positives Ergebnis aus (+1,6%). Die Hersteller von Laden- und sonstigen Objektmöbeln lagen um 1,4 Prozent über dem Vorjahreswert und erzielten einen Umsatz von rund 910 Millionen Euro. Einen Rückgang registrierten dagegen die Hersteller von Polstermöbeln, deren Umsätze von Januar bis Juni 2019 um drei Prozent auf rund 470 Millionen Euro sanken. Auch die Umsatzentwicklung bei den sonstigen Möbeln (Wohnmöbel und Möbelteile) fiel mit minus 5,4 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro negativer aus als der Branchendurchschnitt. Das kleinste Segment der Branche – die Matratzenindustrie – wies ebenfalls ein Umsatzminus in Höhe von 4,2 Prozent auf rund 390 Millionen Euro aus. Die Lage in diesem Segment hat sich nach zweistelligem Umsatzrückgang im vergangenen Jahr wieder einigermaßen stabilisiert.

Im Vergleich zur amtlichen Statistik weisen die internen Erhebungen unserer Fachverbände positivere Zahlen aus, was in erster Linie an den dort enthaltenen Unternehmen mit ausländischen Betriebsstätten bzw. an den Vertriebsgesellschaften liegen dürfte. So zeigen die Auftragseingänge in der deutschen Wohnmöbelindustrie von Januar bis Juni einen Anstieg um 4,6 Prozent, in der Polstermöbelindustrie einen um 3,8 Prozent. Die Küchenmöbelindustrie liegt bei den Auftragswerten bis Juni auf Vorjahresniveau (+0,05%).

Hier noch ein Blick auf die Beschäftigtendaten der Branche: In den aktuell 477 Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten (-1%) arbeiten 84.690 Frauen und Männer und damit liegen wir leicht (+0,4%) über dem Niveau des Vorjahres. Vor dem Hintergrund der positiven Umsatzentwicklung im zweiten Halbjahr 2018 wurden in der Branche binnen eines Jahres rund 350 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Diese Stabilisierung der Arbeitsplätze ist auch einem insgesamt nach wie vor robusten Exportgeschäft zu verdanken, auch wenn die Firmenkonjunkturen hier auseinanderlaufen. Die deutschen Möbelexporte legten im ersten Halbjahr 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,4 Prozent auf 5,7 Milliarden Euro zu. Der Absatz in die EU-Länder lag mit plus 3,8 Prozent deutlich über dem Niveau des Vorjahres und entwickelte sich somit besser als die gesamten Exporte. Besonders erfreulich ist die Steigerung der Ausfuhren in den wichtigsten Exportmarkt der deutschen Möbelindustrie nach Frankreich um 9,1 Prozent, auch die Schweiz (+1,3%), Belgien (+10,9%) und Italien (+8,1%) entwickelten sich aus Sicht der deutschen Möbelindustrie positiv. Demgegenüber waren die Möbelausfuhren in so wichtige Absatzmärkte wie die Niederlande (-0,1%) und Tschechien (-4,7%) rückläufig.

Die Möbelindustrie bekam die negativen Auswirkungen der Brexit-Diskussion im bisherigen Jahresverlauf bereits deutlich zu spüren, denn die Möbelausfuhren nach Großbritannien reduzierten sich von Januar bis Juni um weitere 2,1 Prozent. Bereits im Jahr 2018 ging der Absatz deutscher Möbel im Vereinigten Königreich um 5,3 Prozent zurück. Eine fundamentale Besserung der Lage ist angesichts des nach wie vor fehlenden politischen Konsenses zum Brexit und des für Ende Oktober angekündigten Austritts Großbritanniens aus der EU vorerst nicht in Sicht.

Bedeutende Wachstumsmärkte für deutsche Möbel liegen zunehmend auch außerhalb der EU. Besonders hervorzuheben ist die hervorragende Performance deutscher Möbelhersteller in den großen Wachstumsmärkten USA (+9,7%) und Russland (+27,5%). Der US-amerikanische Möbelmarkt steht aktuell im Fokus der Exportaktivitäten des VDM-Arbeitskreises Export. Erfreulich ist aus Branchensicht auch, dass der russische Markt nach einer langjährigen Wachstumsschwäche zu neuer Stärke zurückfindet – kein anderer großer Exportmarkt wächst aus der Sicht der deutschen Möbelhersteller aktuell schneller als Russland. Auch andere außereuropäische Märkte wie Japan, Kanada und Südkorea entwickeln sich derzeit positiv, allerdings bewegen sich die Ausfuhren in diese Länder noch auf einem relativ niedrigen Niveau. Dagegen werden bei den Möbelausfuhren nach China derzeit negative Vorzeichen registriert. Vor dem Hintergrund des Handelsstreits zwischen China und den USA und der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China sanken die deutschen Möbelausfuhren ins Reich der Mitte im ersten Halbjahr 2019 um 20,9 Prozent. Nach unserer Einschätzung drücken aufgrund der Handelsbeschränkungen mit den USA mehr heimische Produkte auf den chinesischen Markt, was Importe abschwächt.

Die Industrieexportquote – dies ist der Anteil der von den heimischen Möbelherstellern direkt ins Ausland gelieferten Ware am Gesamtumsatz der Branche – lag im ersten Halbjahr 2019 bei 32,5 Prozent und damit in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Im ersten Halbjahr 2018 lag der entsprechende Wert noch bei 32,6 Prozent. Trotz des minimalen Rückgangs konnte die Exportquote in der Möbelindustrie damit seit der Jahrtausendwende verdoppelt werden.

Die Entwicklung der einzelnen Exportmärkte fällt je nach Segment unterschiedlich aus. So werden in der Küchenmöbelindustrie – dieses Segment weist mit 41,6 Prozent branchenweit die höchste Exportquote aus – deutliche Zuwächse bei den Ausfuhren in die Niederlande registriert (+4,7%), während sich die Exporte in die USA nur leicht positiv (+2,5%) und nach Russland negativ (-6,5%) entwickeln. Der Rückgang der Ausfuhren nach China fällt hier noch deutlicher aus (-25,6%). Allerdings spielen bei den außereuropäischen Exportmärkten die je nach Produkt unterschiedlichen Zollsätze eine wichtige Rolle, die sich einerseits auf die Absatzmöglichkeiten auswirken und andererseits zu Verzerrungen in der Außenhandelsstatistik führen.

Nachdem die deutschen Möbelimporte im Gesamtjahr 2018 noch um 0,4 Prozent auf 12,8 Milliarden Euro gestiegen waren, sanken sie im ersten Halbjahr 2018 um 0,7 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro. Hier spiegelt sich die aktuell schwierige Marktverfassung. Das Außenhandelsdefizit reduzierte sich im gleichen Zeitraum um 17 Prozent auf rund eine Milliarde Euro. Überdurchschnittlich stark stiegen die Einfuhren aus Asien (+12,2%) und insbesondere aus Vietnam (+22,3%), Indonesien (+16,9%) und Taiwan (+8,4%). Vor allem konnten aber die Importe aus dem zweitwichtigsten Importland China um 11,9 Prozent zulegen. Polen verlor dagegen 1,2 Prozent, blieb jedoch wie in den vergangenen Jahren das mit Abstand wichtigste Möbelherkunftsland. Mehr als jedes vierte nach Deutschland importierte Möbel (26%) stammt inzwischen aus unserem östlichen Nachbarland. Insgesamt gingen die Einfuhren aus den EU-Ländern leicht um 3,8 Prozent zurück. Tschechien war mit einem deutlichen Rückgang von 13 Prozent das drittwichtigste Importland. Trotz der aktuellen Verschiebungen weg von Osteuropa hin zu Südostasien weist die Struktur der deutschen Möbelimporte weiterhin eine hohe Konzentration auf: Allein auf die drei wichtigsten Lieferländer Polen, China und Tschechien entfallen aktuell über 55 Prozent der gesamten deutschen Möbelimporte.

Neben der weiterhin hohen Importkonkurrenz wirken einige Kostenfaktoren verstärkt auf die Branche ein. Insbesondere die steigenden Logistikkosten stellen sich als Renditebremse dar. Die befragten Unternehmen der deutschen Möbelindustrie berichten von einem durchschnittlichen Anstieg der Logistikkosten von sieben Prozent im Vergleich zum Sommer 2018. Die Personalkosten verteuerten sich im gleichen Zeitraum um vier Prozent und die Massivholzkosten um drei Prozent. Dieser Kostenanstieg kann angesichts der Marktmacht auf der Handelsseite oft nur unzureichend in der Kette weitergegeben werden. Nach Einschätzung unserer Hersteller wird die Konjunktur in den kommenden sechs Monaten zusätzlich durch den Fachkräftemangel (26% aller Befragten), den Brexit (22%), internationale Handelsbeschränkungen (9%), die steigende Rolle von E-Commerce, die Erhöhung der Ausgaben der öffentlichen Hand und eine zunehmende Konsumzurückhaltung beeinflusst.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Marktlage und den bestehenden Herausforderungen für die Hersteller haben wir als Verbände der deutschen Möbelindustrie mehrere Initiativen zur Umsatzstärkung und damit zur Unterstützung unserer heimischen Unternehmen ins Leben gerufen:

Wegen der bereits beschriebenen besonderen Bedeutung des Exports für die Branche setzt der VDM die im vergangenen Jahr ins Leben gerufene Exportoffensive und den neuen Arbeitskreis Export konsequent fort. Als Schwerpunktmärkte wurden von den Mitgliedern des Arbeitskreises zunächst die USA, Russland und China festgelegt. Als erster Schritt wurde in diesem Jahr eine detaillierte Marktstudie mit praktischen Arbeitshilfen für das erfolgreiche Engagement deutscher Möbelhersteller in den USA erarbeitet. Hier geht es ebenso um technische Voraussetzungen wie Marktstrukturen oder Verbraucherverhalten. Entsprechende Studien zu weiteren Märkten sollen folgen.

Parallel messen wir dem Thema Made in Germany eine besondere Bedeutung zu, weshalb wir aktuell eine Zertifizierung von in Deutschland hergestellten Produkten vorbereiten. Hier liegt eine große Chance für unsere heimischen Hersteller, den sinkenden Umsatzzahlen entgegenzuwirken: das Herausstellen der Herkunft der Möbel als starke Qualitätsaussage und Versprechen an die Verbraucher.

Mit einem eingetragenen RAL-Gütezeichen und einer externen Auditierung schaffen wir einen verlässlichen Nachweis für die Verbraucher zur Herkunft der Möbel. Damit ist dann nicht nur ein Qualitäts-, sondern auch ein Nachhaltigkeitsversprechen verbunden, das heimische Materialien, faire Arbeitsbedingungen und kurz Lieferwege beinhaltet.

Darüber hinaus schließen sich immer mehr Unternehmen dem Klimapakt der Deutschen Gütegemeinschaft Möbel (DGM) an. Sie verpflichten sich, ihre CO₂-Emissionen, die etwa bei Beheizung der Liegenschaften oder bei Betrieb des Fuhrparks entstehen, zu bilanzieren, zu reduzieren und zu kompensieren. Dass Fragen der Nachhaltigkeit und des Carbon Foot Print keine gesellschaftlichen Nischenthemen sind, haben die „Fridays for Future“-Demonstrationen, aber auch die Ergebnisse der Europawahl gezeigt. Wir glauben fest daran, dass diese Aspekte für die Konsumenten in Zukunft immer wichtiger werden und wir die Vorzüge der nachhaltigen Arbeitsweise unserer Unternehmen selbstbewusst herausstellen können.

Um die beschriebenen Vorteile der Produkte unserer Unternehmen stärker in die Breite zu tragen, hat der VDM bereits zu Beginn dieses Jahres mit #zuhausesein auf den drei Medienkanälen Facebook, Twitter und Instagram eine Social-Media-Initiative gestartet, um Möbel, Design und Innovationen aus Deutschland digital zu positionieren. Kooperationen mit klassischen Medien und mit europäischen Wohn-Bloggern sollen den Bekanntheitsgrad unserer heimischen Möbel auch in jener jungen Zielgruppe erhöhen, die schon heute aber noch mehr in Zukunft Möbel kaufen wird. Die Gewinnermotive eines aktuell laufenden Wettbewerbs, bei dem die Menschen ihr Lieblingszimmer posten und später ein Möbelstück aus deutscher Fertigung gewinnen können, sollen außerdem auf unserem neuen VDM-Stand auf der imm cologne 2020 gezeigt werden.

Die Vorzeichen für die weitere Entwicklung der Branche im zweiten Halbjahr bewerten wir insgesamt verhalten. Eine allmählich abkühlende Bautätigkeit dürfte sich in den kommenden Monaten zunehmend dämpfend auf die Möbelnachfrage auswirken. Die Konjunkturprognosen für das laufende Jahr wurden von den führenden Wirtschaftsforschern zuletzt deutlich nach unten revidiert und auch die jahrelang gute Verbraucherstimmung bekommt gemäß den jüngsten GfK-Zahlen einige Dellen. Vor diesem Hintergrund gehen wir für das Gesamtjahr 2019 von einer um 1,5 bis zwei Prozent geringeren Umsatzentwicklung der Möbelindustrie aus. Hinsichtlich der gerade aufflammenden Diskussion um politische Impulse zur Stimulierung der Konjunktur plädieren wir für eine gezielte und spürbare Maßnahme mit entsprechender Breitenwirkung, die den Verbrauchern mehr Spielräume eröffnet und sprechen uns für eine schnelle und komplette Abschaffung des Solis, beginnend schon im Jahr 2020 aus. Damit kann den Verbrauchern, denen seit Jahren aufgrund der realen Negativzinsen Liquidität entzogen wird, Kaufkraft zurückgegeben werden.“






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