Donnerstag, 28.09.2017, 10:35 Uhr Schnittstellengipfel

Vor- und Nachteile des Beschaffungsmarkts Polen

Polen steht auf Platz eins der deutschen Möbelimportnationen und hat den Abstand auf China kontinuierlich ausgebaut. Was sind die Gründe für das polnische Exportwunder? Und ist der Boom endlich da? Die „möbel kultur“, Schwesternzeitschrift der „möbelfertigung“, hat gemeinsam mit dem Hermes Einrichtungs Service einen Round Table organisiert – unter der Fragestellung: Poland first?! Was macht Polen zur Nummer eins der deutschen Importnationen? Mit dabei waren Experten, Vordenker und Macher im Importgeschäft, die im ehemaligen Hauptzollamt in Hamburg über aktuelle und zukünftige Herausforderungen des Sourcing-Marktes diskutierten.

Das Sicherstellen von Einkaufsquellen ist momentan eine der größten Herausforderungen für den Handel. Polen spielt als Nummer eins der Importnationen eine zentrale Rolle. Wie konnte sich das Land in eine Position bringen, an der für den deutschen Handel kein Weg mehr vorbeiführt?
Halina Kasprzyk:
Dieser Weg hat im Prinzip schon in den 1950er-­Jahren begonnen, als die polnische Industrie erste Aufträge von Ikea erhalten hat – im Übrigen sind die Schweden heute noch immer der größte Auftraggeber. In deren Fahrwasser sind dann auch andere Handelsunternehmen gefolgt, um Möbel in Polen einzukaufen. Die Entwicklung hat uns trainiert und fit gemacht für die Weltmärkte.
In den letzten 20 Jahren hat sich das Entwicklungstempo dann noch mal verschärft, und seit 2008 haben sich die Exporte nach Deutschland auf bald 4 Mrd. Euro pro Jahr verdoppelt. Die Branche hat stark von EU-Subventionen profitiert, aber auch von inländischen Konjunkturprogrammen. 

Herr Hilpert, sehen Sie als größter deutscher Importeur den Weg Polens genauso?
Dieter Hilpert:
Ich bereise Polen seit dem Jahr 1971. Somit waren wir nach Ikea als Schieder-Gruppe Pioniere im Polengeschäft. Wir merkten damals sehr schnell, dass die Möbelindustrie eine besondere Bedeutung unter den polnischen Industriezweigen hatte, zumal es ja nicht viele Exportprodukte gab, die sich für die überlebensnotwendige Devisenbeschaffung in den osteuropäischen Staaten eigneten. Insofern gab es auch schon zu kommunistischen Zeiten eine staatliche Unterstützung der Möbelindustrie und es taten sich bei Problemen immer wieder Türen bis in die höchsten Regierungsetagen auf.

Gibt es in Polen eigentlich noch Industriebetriebe zu entdecken oder ist der Markt abgegrast?
Dieter Hilpert:
Es gibt bestimmt noch ein paar kleine mittelständische Betriebe zu entdecken, aber die haben keine große Marktrelevanz.
Stefan Finzel: Wir als Nischenanbieter haben gerade auf der Posener Messe noch zwei interessante Anbieter gefunden, die im Besitz von Spezialmaschinen sind und freie Kapazitäten haben. Wir versuchen nun, gemeinsam mit den beiden Firmen Prozesse wie das Datenmanagement oder die Materialflüsse zu etablieren. 

Importrankings gelten nicht für die Ewigkeit. Denken Sie, dass die deutsche Importkarawane irgendwann weiterziehen wird?
Halina Kasprzyk:
Ich glaube, ja. Die Polen werden allein schon aufgrund des steigenden Lohnniveaus nicht mehr jeden Preiskampf mitmachen können. Wir werden uns deshalb aus dem Preiseinstieg verabschieden und uns preislich nach oben entwickeln müssen. Die Ukraine, Weißrussland oder Russland werden an die Stelle Polens treten.
Dieter Hilpert: Es ist ja auch nicht so, dass die polnische Industrie notleidend ist und darauf angewiesen, hochwertigere Produkte auf den Markt zu bringen. Dort wird im konsumigen Bereich gutes Geld verdient. Schauen Sie sich zum Beispiel Forte an. Und auch unsere Lieferanten sind kerngesund und verdienen zum Teil zweistellige Umsatzrenditen. Es geht darum, das aktuelle Geschäftsmodell zu perfektionieren und nicht nach Höherem zu streben, was auf den Holzweg führen kann.
Jürgen Reiter: Ich denke auch, dass die Polen sich auf ihre Stärken konzentrieren und ihren Standortvorteil und ihre industrielle Schlagkraft nutzen sollten. Es führt nicht weit, gegen Italien oder Deutschland einen Designkampf zu führen.
Martin Wieland: Ich denke, die grundlegende Frage für die Zukunft der Möbelnation Polen ist gar nicht, ob sie ein eigenes Design hervorbringt. Es sind vielmehr die großen Herausforderungen in der Produktion, die wir hierzulande genauso gut kennen: der Fachkräftemangel und das steigende Lohnniveau.
Dieter Hilpert: Ein ganz wichtiges Thema. Alle unsere polnischen Betriebe stellen deshalb vermehrt ukrainische Facharbeiter ein – bei Black Red White sind es mehrere Hundert. Die Frage ist, ob die Arbeitskräfte nun dahingehen, wo die Produktion ist, oder ob die Produktion den Arbeitskräften folgt.

Die wichtigsten Aussagen des Round Table-Gesprächs lesen Sie in der „möbelfertigung 6/2017“, die am 4. Oktober erscheint.

Weitere Themen der Ausgabe: Warum Egger jetzt den Sprung über den großen Teich wagt, wie sich D-Beschlag mit Innovationen und kundenspezifischen Entwicklungen einen Vorsprung im Wettbewerb verschafft, auf welche Weise die richtigen Werkzeuge zur Kostensenkung in der Produktion beitragen, warum das Marketing von Blum in England anders als in Deutschland ausfällt, was der neue SCM Deutschland-Geschäftsführer in seinen ersten Monaten erlebt hat und wie Homapal seine Produkte noch breiter positionieren will.
Außerdem in dem Magazin: Umfassende Preview zur italienischen Top-Messe „Sicam“, das umfassende Special „Werkstoffe & Leichtbau sowie die große Dienstleister-Übersicht.

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