Razzia und Festnahmen
Es ist zwar nicht Möbelindustrie – aber Möbel entstehen dort auch. Zum Teil auf den gleichen Maschinen und mit ähnlichen Werkstoffen und Beschlägen. Und genau wie die Möbelindustrie zählt auch die Caravanindustrie zu den „Corona-Gewinnern“, muss aber zwei Jahre später enorme Auftragseingangseinbrüche vermelden. Was an sich schon eine herausfordernde Situation ist. Bei der Knaus Tabbert AG mit Sitz in Jandelsbrunn steht jetzt noch unter anderem der Vorwurf der Bestechlichkeit und Untreue im Raum.
Was genau ist los? Hunderte von Polizisten durchsuchten gestern (Mittwoch) das Werksgelände des Wohnmobilherstellers im Landkreis Freyung-Grafenau, Regierungsbezirk Niederbayern, sowie Geschäftsräume im Bundesgebiet. Inklusive Festnahmen.
Der Bayerische Rundfunk schreibt auf „BR24“: „Geschäftsräume wurden auf Beschluss eines Ermittlungsrichters, den die Staatsanwaltschaft Landshut angerufen hatte, durchsucht. Sie ist in Niederbayern für Wirtschaftsstrafsachen zuständig. Den Ermittlern zufolge geht es um den Verdacht eines besonders schweren Falls der Bestechlichkeit und Bestechung im geschäftlichen Verkehr.
Konkret stehen laut Staatsanwaltschaft und Polizei drei Manager im Alter zwischen 57 und 71 Jahren im Zentrum der Ermittlungen. Zwei Verdächtige arbeiteten offenbar im Management von Knaus Tabbert. Der dritte war Verantwortlicher einer im Saarland ansässigen Investment GmbH. Alle drei werden verdächtigt, Bestechungsgeld von Zulieferern angenommen und unter sich aufgeteilt zu haben. Im Gegenzug sollen die Zulieferer von den Managern bevorzugt behandelt worden sein und Aufträge erhalten haben.
Allein in Jandelsbrunn durchsuchten 165 Polizisten mehrere Büro- und Geschäftsräume des Wohnmobilherstellers sowie die Privatwohnung eines Tatverdächtigen im Landkreis Freyung-Grafenau. Durchsuchungen gab es auch bei den mutmaßlich beteiligten Firmen. Hier wurden Wohn- und Geschäftsräume in Niedersachsen, Baden-Württemberg, Saarland, Hessen und Rheinland-Pfalz sowie in der Schweiz durchsucht. Die Ermittler beschlagnahmten elektronische Daten sowie zahlreiche schriftliche Beweismittel. Diese werden nun ausgewertet.
Zwei Tatverdächtige nahm die Polizei fest. Sie wurden dem Ermittlungsrichter beim Amtsgericht Landshut vorgeführt und anschließend in verschiedene bayerische Justizvollzugsanstalten gebracht. Es gilt die Unschuldsvermutung.“
Die Knaus Tabbert AG veröffentlichte gestern in einer Ad-hoc-Meldung am frühen Nachmittag: „Durchsuchung der Geschäftsräume der Knaus Tabbert AG auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Landshut: Am heutigen Vormittag kam es zur Durchsuchung von Geschäftsräumen der Knaus Tabbert AG aufgrund eines staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahrens gegen einzelne Mitglieder des Managements der Gesellschaft im Zusammenhang mit individuellen Vorwürfen strafrechtlich relevanter Handlungen zulasten des Unternehmens. Das Unternehmen selbst ist nicht Gegenstand der Vorwürfe.“

Eine gewisse Unruhe gibt es schon seit Ende Oktober im Unternehmen. Der Vorstandsvorsitzende, CEO Wolfgang Speck, ist laut Pressemitteilung vom 28. Oktober zum 31. Oktober aus dem Vorstand ausgeschieden. Aus „persönlichen Gründen“, wie es hieß. Aus internen Kreisen war zu vernehmen, dass dem Weggang unmittelbar große Auseinandersetzungen mit dem Aufsichtsrat vorausgegangen waren. In der gleichen Mitteilung heißt es „der langjährige COO und Branchenkenner Werner Vaterl übernimmt als Interims-CEO. Er bildet zunächst gemeinsam mit CSO Gerd Adamietzki das zweiköpfige Vorstandsteam von Knaus Tabbert. Die Wiederbesetzung der CFO-Position befindet sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Werner Vaterl startete seine Laufbahn bei Knaus Tabbert 1992 als Leiter der Logistik und Werksleiter am Standort Jandelsbrunn. Seit 2013 führt der Diplom Kaufmann als COO erfolgreich das operative Geschäft des Unternehmens.“
Am 21. Oktober, kurz vor Bekanntwerden dieser Personalie, hatte die Knaus Tabbert AG, zu der die Marken Knaus, Tabbert, Weinsberg, T@b, Morelo und die Vermietung Rent and Travel gehören, ihre Prognose für das Geschäftsjahr 2024 aktualisiert: Für das Gesamtjahr wird „nur noch“ ein Konzernumsatz von rund 1,3 Milliarden Euro erwartet. Die bereinigte EBITDA-Marge soll voraussichtlich deutlich unter der zuletzt am 17. Juli 2024 angegebenen Prognose von 7,0 Prozent bis 8,0 Prozent liegen. Im Jahr 2023 hatte Knaus Tabbert noch einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro erzielt.
Der Auftragsbestand belief sich zum Stichtag 30. September 2024 auf 577 Millionen Euro und blieb damit weiterhin auf einem soliden Niveau. Im Neunmonatszeitraum verzeichnete Knaus Tabbert einen Konzernumsatz von 897,2 Millionen Euro nach 1.073,5 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Ein sattes Minus von 16,4 Prozent.
Am 13. November entschied der Vorstand der Knaus Tabbert AG die Produktion an den Standorten in Jandelsbrunn und Nagyoroszi, Ungarn, ab 18. November 2024 bis zum Ende des Jahres einzustellen. Mit dem Ziel, durch eine Reduktion der Produktionsmengen die Lagerbestände auf Händlerebene auf ein wirtschaftlich nachhaltiges Niveau zu bringen und eigene Bestände abzubauen. Und dämpfte die Umsatzerwartung erneut: „Im Zusammenhang mit dieser Maßnahme erwartet die Knaus Tabbert AG für das Gesamtjahr 2024 auch einen deutlich geringeren Konzernumsatz als die am 22. Oktober 2024 kommunizierten 1,3 Milliarden Euro. Die Aussage zur bereinigten EBITDA Marge vom 22. Oktober 2024 bleiben unverändert.“
Die nächste Personalmeldung kam vor einer knappen Woche: Wim de Pundert, bedeutender Aktionär und Mitglied des Aufsichtsrates, wurde mit sofortiger Wirkung zum neuen CEO und CFO der Knaus Tabbert AG bestellt. De Pundert ist geschäftsführender Gesellschafter der Private-Equity-Firma HTP Investments, die 41 Prozent der Aktien von Knaus Tabbert hält.
Zusätzlich wurde Radim Ševčík zum neuen Financial Director ernannt, der direkt an den neuen CFO berichtet. Radim Ševčík verfügt über umfassende Erfahrung im Finanzbereich, nachdem er für Unternehmen wie die Boston Consulting Group (BCG) und Merrill Lynch gearbeitet hat und zuletzt vier Jahre lang als Investment Officer für HTP Investments tätig war. Das Führungsteam mit Werner Vaterl als Chief Operating Officer (COO) und Gerd Adamietzki als Chief Sales Officer (CSO) blieb in seinen Funktionen bestehen.
Natürlich reagiert die Knaus Tabbert AG auf die Vorwürfe und polizeilichen Ermittlungen. Nach der gestrigen Bestätigung der Durchsuchungen kam heute Morgen um kurz nach 9 Uhr eine erneute Ad-hoc-Meldung: Der Aufsichtsrat der Knaus Tabbert AG hat heute beschlossen, die Bestellung von Herrn Werner Vaterl und Herrn Gerd Adamietzki zu Vorstandsmitgliedern aufgrund strafrechtlicher Vorwürfe mit sofortiger Wirkung aus wichtigem Grund zu widerrufen. Herr Vaterl und Herr Adamietzki sind ab sofort nicht mehr für die Knaus Tabbert AG tätig.“
Damit ist zumindest in zwei Fällen klar, welche Personen gestern das Ziel der polizeilichen Ermittlungen waren.
Etwas ausführlicher kam es dann aus Jandelsbrunn nur wenige Minuten später, um 9:15 Uhr:
„Im Anschluss an unsere beiden Ad‐hoc‐Meldungen von gestern und heute Morgen möchte die Knaus Tabbert AG weitere Einzelheiten zu den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und die jüngste Entscheidung des Aufsichtsrats bekannt geben.
Der Aufsichtsrat wurde darüber informiert, dass zwei Personen innerhalb des Unternehmens derzeit Gegenstand der laufenden Ermittlungen sind. In diesem Zusammenhang hat der Aufsichtsrat beschlossen, die Verträge von Chief Operating Officer Werner Vaterl und Chief Sales Officer Gerd Adamietzki mit sofortiger Wirkung zu kündigen. Die operativen Aufgaben werden vorübergehend von ihren direkten Mitarbeitern übernommen.
Knaus Tabbert kooperiert im Rahmen der Ermittlungen in vollem Umfang mit den Behörden. Es ist wichtig zu betonen, dass dem Unternehmen selbst derzeit kein Fehlverhalten vorgeworfen wird, sondern dass es ein Geschädigter ist, dem ein Schaden entstanden ist. Das Ausmaß dieses Schadens wird derzeit noch geprüft. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir in einem frühen Stadium der Ermittlungen keine weiteren Auskünfte geben können.
Diese Entscheidung fällt in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Vor kurzem hat Wim de Pundert die Doppelfunktion des Chief Executive Officer und des Chief Financial Officer übernommen, was einen Kurswechsel in der Entwicklung des Unternehmens markiert. Im Einklang mit diesen Veränderungen haben wir bereits Anstrengungen unternommen, um unser Führungsteam weiter zu stärken. Dieses unerwartete Ereignis wird diese Bemühungen weiter beschleunigen.
Wir haben eine interne Untersuchung eingeleitet, um alle Ursachen zu klären, die zu dieser Situation beigetragen haben könnten. Wir sind entschlossen, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen, um solche Ereignisse in Zukunft zu verhindern, einschließlich der Verbesserung der internen Prozesse und Kontrollen.
Auch wenn diese Entwicklung zweifellos eine Herausforderung darstellt, so bekräftigt sie doch unser Engagement, bedeutende Veränderungen innerhalb von Knaus Tabbert voranzutreiben und die strategischen Ziele des Unternehmens voranzubringen. Wir werden uns weiterhin dafür einsetzen, ein robustes und widerstandsfähiges Unternehmen zu schaffen, das in der Lage ist, seine Vision für die Zukunft zu verwirklichen.“

Es liest sich wie ein Wirtschaftskrimi. Vielleicht ist es einer. Und ist idealerweise ein Einzelfall – das Feld der Zulieferer der Caravanindustrie ist in Teilen identisch mit der Möbelindustrie. Wo bei allen derzeitigen Absatzproblemen vieler Hersteller Bestechungen und Vorteilsnahmen hoffentlich keine Rolle spielen…
Caravanindustrie Knaus Tabbert





